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50 Jahre Atomkraft – Bilanz: 5700 Pannen – Aktuell: Neue Panne im AKW Krümmel

Donnerstag 2. Juli 2009 von birdfish



Kein Grund zum Feiern: Anlässlich des 50. Jahrestags des Deutschen Atomforums, dem Lobbyverband der Energiewirtschaft, weist Greenpeace auf die Pannenbilanz deutscher Atomanlagen hin.

Pannen im AKW Krümmel
Pannen im maroden AKW Krümmel reißen nicht ab – (c) Martin Langer / Greenpeace

Von 1965 bis September 2008 gab es rund 5700 “meldepflichtige Ereignisse”, wie Unregelmäßigkeiten in Atomkraftwerken genannt werden. Ungeachtet dessen hat das Atomforum zu einer Festveranstaltung geladen, bei der auch Bundeskanzlerin Merkel (CDU) auftritt.

Auslöser der Störungen im AKW-Betrieb waren unter anderem Kühlwasserleckagen und Löcher im Druckwasserbehälter, beschädigte Rohrleitungen und Ventile, totaler Stromausfall und Feuer sowie eine Wasserstoffexplosion nahe des Reaktordruckbehälters. “Jede dieser 5700 Pannen hätte zu einer Atomkatastrophe führen können”, sagt Greenpeace-Atomexperte Tobias Münchmeyer. “Die Risiken der Atomkraft haben sich durch alternde Reaktoren und neue Gefahren wie terroristische Anschläge deutlich erhöht“.

“Wenn Frau Merkel mit dem Atomforum feiert, verhöhnt sie die gesundheitlichen Schäden und die tödlichen Risiken, die durch Atomkraft entstehen”, so Münchmeyer weiter. Gegen den Schulterschluss von Merkel mit der Atomindustrie protestieren Greenpeace-Aktivisten am Abend. Eine sechs Meter lange Attrappe eines Castor-Transportbehälters für Atommüll und ein Banner mit der Aufschrift “Die Menschen wollen keine Atomkraft, Frau Merkel” werden vor dem E-Werk in Berlin postiert.

Die CDU macht sich in ihrem Wahlprogramm zum Fürsprecher der Atomindustrie, indem sie eine Verlängerung der Laufzeiten für alte Atomkraftwerke fordert. Die Risiken scheinen dabei keine Rolle zu spielen: Erst gestern war bekannt geworden, dass es im gerade wieder angefahrenen AKW Krümmel eine erneute Panne gegeben hatte. “Der Pannenreaktor Krümmel muss ebenso wie die sieben ältesten deutschen Meiler sofort vom Netz”, fordert Münchmeyer.

Das Deutsche Atomforum hatte behauptet, dass Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken zu einer Senkung der Strompreise führten. Das hat eine Studie des Bundesumweltministeriums jüngst widerlegt: Im Gegenteil, so hieß es, sei sogar “die Möglichkeit gegeben, dass bei einer Laufzeitverlängerung das Strompreisniveau steigt”.

Politik und Atomlobby handelten bereits früher Hand in Hand, wie die Skandale um das marode Endlager Asse II beweisen. Nach Recherchen des Spiegel ließ sich die Bundesregierung die Öffentlichkeitsarbeit für das niedersächsische Endlager vom Deutschen Atomforum finanzieren. Zwischen 1997 und 2002 flossen fast 700.000 Euro an den damaligen Asse-Betreiber, die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF, heute Helmholtz-Zentrum). “Das Asse-Desaster steht für das Scheitern des Deutschen Atomforums und der Atomindustrie”, so Münchmeyer. “Atomkraft ist gefährlich, blockiert den Ausbau der Erneuerbaren Energien und damit neue Jobs in Deutschland.”

Und während diverse Umweltverbände vor 14 Tagen noch Alarm schlugen, als das Land Schleswig-Holstein der Meinung war, dass das marode AKW so unbedenklich sei, dass es wieder ans Netz kann, passierte hier schon wieder die nächste Panne in der kurzen Zeit, die das Werk lief.

Greenpeace liegen Informationen vor, dass das Atomkraftwerk Krümmel seit Mittwochnachmittag abgeschaltet ist. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Der Reaktor war nach zwei Jahren Stillstand und immer neuen Fehlermeldungen am 19. Juni wieder hochgefahren worden. Die neue Störung kam pünktlich zum 50. Jubiläum des Atomforums, das sich am Mittwoch in Berlin gefeiert hat.

Ein Greenpeace-Informant hatte am Nachmittag bei einer Messung festgestellt, dass die Wassertemperatur an der Auslaufstelle des Kühlwassers nicht nennenswert wärmer war als das normale Elbwasser, also 23,2 Grad Celsius. Das kann nur bedeuten: Der Reaktor produziert kaum Abwärme und kann daher nicht mit voller Leistung am Netz sein.

Auf Nachfrage bei der Kraftwerksleitung wurde zugegeben, dass das Kraftwerk derzeit keinen Strom mehr produziere. Die Vattenfall-Pressesprecherin sagte, es sei zu einer automatischen Abschaltung der Turbine gekommen. Die Ursache habe man bisher nicht ermitteln können. Die Reaktorleistung sei daraufhin auf 25 Prozent gedrosselt worden.

Das AKW Krümmel war im Sommer 2007 nach einem Trafobrand abgeschaltet worden. Immer neue Fehlermeldungen und Pannen verzögerten zwei Jahre lang die Wiederinbetriebnahme. Vor knapp zwei Wochen, am 19. Juni, gab die Atomaufsichtsbehörde im schleswig-holsteinischen Sozialministerium grünes Licht: Vattenfall durfte den Meiler wieder in Betrieb nehmen.

Nur vier Tage später, am 23. Juni, kam es zu einem Zwischenfall: Im Rahmen einer wiederkehrenden Prüfung wurde der Ausfall einer von drei Baugruppen zum zeitverzögerten Auslösen einer Reaktorschutzmaßnahme festgestellt. Am 29. Juni veröffentlichte die Atomaufsichtsbehörde dieses meldepflichtige Ereignis. Das heutige Ereignis haben weder Vattenfall noch die Behörde öffentlich bekannt gegeben.

“Jetzt reicht’s!”, kommentiert Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. “Die Pannenserie des Atomkraftwerks Krümmel reißt nicht ab. Wie lange soll das noch so weitergehen? Muss erst ein nicht mehr beherrschbarer Störfall passieren, damit der Pannenreaktor endgültig vom Netz genommen wird?”

Unsere Materialsammlung zur Atomkraft

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2 Kommentare über “50 Jahre Atomkraft – Bilanz: 5700 Pannen – Aktuell: Neue Panne im AKW Krümmel”

  1. Gerry schrieb:

    Es ist einfach ein unendliches Thema mit der Kernkraft. Es muss erst wieder “ordentlich” Krachen, bis man sich den Gefahren bewußt wird.

    Andererseits muss man auch kritisieren, dass eine große Zahl der Verbraucher nicht im geringsten daran interessiert sind, Strom und Energie (auch aus anderen Quellen) einzusparen. Stattdessen sind Stromfresser, wie Klimaanlagen im Sommer und Wärmepilze (gibt’s mit Gas oder Strom) im Winter im Vormarsch. Energieverschwendung hoch 3!

  2. Hauptsache, die Kohle stimmt « Giftzwergs Rumpelkammer schrieb:

    [...] kann man ürigens auch hier und [...]

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