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Viel Ärger um Atomkraftwerk Krümmel – Bundesumweltminister Gabriel sieht rot

Montag 6. Juli 2009 von birdfish



Das für seine Pannen bekannte Atomkraftwerk Krümmel hat dieser Tage für einiges Tohubawohu gesorgt. So musste der Reaktor nun am Samstagmittag per Schnellabschaltung heruntergefahren werden.

Krümmel stillegen statt flicken
Bereits 2007 protestierten Greenpeace-Leute auf der Elbe gegen den neu gelieferten Trafo. “Abschalten statt flicken” ist bis heute aktuell – (c) Martin Langer / Greenpeace

Der Meiler war nach zwei Wochen Betriebsdauer und zwei Pannen erst am Freitag wieder ans Netz gegangen.
Diverse Umweltverbände sowie besorgte Bürgerinnen und Bürger hatten erst vor zwei Wochen dagegen protestiert, dass die schleswig-holsteinische Aufsichtsbehörde scheinbar keine Bedenken hegte, das Pannenwerk wieder ans Netz zu lassen.

2007 war es in den Atomkraftwerk erst zum Brand eines Trafos gekommen, was dazu führte, dass der Reaktor nicht mehr ausreichend mit Kühlwasser und Strom versorgt werden konnte und abgeschaltet werden musste. Ein neuer Transformator wurde eingebaut und zwei Jahre lang wurde geprüft und herumgeflickt, bis der Reaktor nun wieder ans Laufen kam – für wenige Tage.

Dann nahm die Produktion wieder ein rasches Ende. Wie man mittlerweile weiß, ist das Atomkraftwerk Krümmel wohl nur knapp einem ähnlich folgenschweren Trafobrand vorbeigeschrappt, wie der, der vor zwei Jahren stattgefunden hat.

Aus dem Sozialministerium, das für die Wiederinbetriebnahme des maroden Werks verantwortlich zeichnet, meldete sich die Ministerin Gitta Trauernicht, und beklagte, dass der Betreiber bei der Störung die Meldewege nicht eingehalten habe. Von dem Vorfall habe das für die Atomaufsicht zuständige Sozialministerium nicht durch das Unternehmen erfahren, sondern durch Polizisten, die vor Ort waren und die Information weitergaben. Trauernicht habe eine erneute Prüfung der Zuverlässigkeit von Vattenfall veranlasst. “Warum es nicht möglich war, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über die Reaktorschnellabschaltung an das Lagezentrum und die Atomaufsicht zu geben, ist mir völlig unverständlich”, betonte Trauernicht.

Vielleicht wären die Pannen ja auch nicht weiter aufgefallen, wenn nicht zum einen ein Greenpeace-Informant Alarm geschlagen und zum anderen die Stadt Hamburg nicht durch die schnelle Notabschaltung eklatante Folgen zu spüren bekommen hätte.
Der NDR berichtete von einigem Durcheinander:

In Hamburg gab es durch die Krümmel-Abschaltung Störungen und einen Spannungseinbruch im Stromnetz. Dadurch kam es zu etlichen Wasserrohrbrüchen und Ampelausfällen. Tausende Hamburger im Westen der Stadt seien zeitweise ohne Wasser gewesen, sagte ein Sprecher der Wasserwerke am Sonntag. Durch die Stromausfälle seien auch etliche Wasserpumpen ausgefallen und der Druck im Wassernetz abgefallen. Als später die Pumpen wieder in Betrieb genommen wurden, kam es zu Druckstößen, die zu insgesamt elf Rohrbrüchen führten. Mittlerweile seien die Schäden behoben und der Druck baue sich wieder auf. Bereits am Sonnabendmittag hatten rund 1.500 Ampelanlagen von insgesamt 1.800 nicht funktioniert. Wie ein Sprecher des Lagezentrums der Polizei sagte, ereignete sich der Ampelausfall um 12.10 Uhr. Nach drei Stunden waren laut Vattenfall bis auf rund 50 Anlagen alle wieder am Netz. Betroffen waren auch einige Einkaufszentren sowie die Stahl- und Aluwerke.

Vattenfall zeigte sich von alldem tief geknickt und entschuldigte sich öffentlich für “nicht akzeptables” Verhalten und Verunsicherung der Bevölkerung. Natürlich nicht ohne ebenfalls zu erwähnen, dass man der festen Überzeugung sei, dass dieses Werk sicher betrieben werden könne.

Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler kommentierte mit klaren Worten: “Nach zwei Jahren Reparatur und Überprüfung des Reaktors in Krümmel gleich drei Pannen in den ersten 14 Tagen – wer jetzt noch glaubt, dass deutsche Atomkraftwerke sicher sind, glaubt womöglich auch an den Osterhasen”.

Die angesprochende Bevölkerung wird von der freundlichen Entschuldigung und den überzeugenden Worten Vattenfalls eher weniger begeistert sein.

Ebenfalls nicht begeistert zeigte sich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, der dieser Tage bereits anlässlich des Jubiläums des Atomforums klare Worte gefunden hatte.
Er nahm den Vorfall zum Anlass, die CDU, namentlich Merkel und von Guttenberg, direkt zu attackieren. Sie handelten unverantwortlich, wenn sie an den Laufzeiten der maroden Werke festhielten, so berichtet die Tagesschau. Der CDU Fraktionsvorsitzende Kauder gab zurück: “So lange Kernkraftwerke sicher sind, sollen sie auch laufen können” und ergänzte, dass Gabriels Forderung zu einer Erhöhung der Strompreise führe. Offenbar ignoriert Kauder die diversen Studien, die seine Aussage widerlegen.

Umweltminister Gabriel indes scheint der Meinung zu sein, dass nun der Worte genug gewechselt sind. Bezugnehmend auf das Weisungsrecht des Bundes gegenüber der Atomaufsicht der einzelnen Länder zog er jetzt die Entscheidungsgewalt an sich, um selbst zu bestimmen, ob und wann Krümmel wieder ans Netz gehen kann.

Auch mit der niedersächsischen Atomaufsicht ging er nicht zimperlich um. Nachdem das Niedersächsische Ministerium für Umwelt und Klimaschutz der Ladung zu einem für vergangenen  Freitag anberaumten bundesaufsichtlichen Gespräch nicht gefolgt ist, hat Sigmar Gabriel dem Land jetzt eine bundesaufsichtliche Weisung erteilt. Dabei geht es um Nachweise für die Störfallsicherheit der von Niedersachsen beaufsichtigten Atomkraftwerke. Das Land weigert sich, diese Nachweise vorzulegen oder von den Betreibern einzufordern.

Gabriel weist Niedersachsen nun also an, die Betreiber mit sofort vollziehbaren Bescheiden zur Vorlage der Unterlagen bis zum 7. August zu verpflichten. Hintergrund seien “mögliche Probleme, die nach einem Leck im Kühlwasserkreislauf eines Atomkraftwerks auftreten könnten: Wenn Isoliermaterial beschädigt wird, können die im Kühlwasser mitgeführten Fasern die so genannten Sumpfsiebe verstopfen oder in den Reaktorkern eindringen und dort die Kühlung behindern. Den Betreibern der Atomkraftwerke ist es im Dezember 2008 nicht gelungen, für alle Anlagen geltende nachvollziehbare Belege vorzulegen, dass dieser Fall beherrscht wird. Jetzt muss für jede einzelne Anlage geprüft werden, ob das Problem gelöst werden kann.”
Während die für die Atomaufsicht zuständigen Ministerien aller anderen Bundesländer mit Kernkraftwerken die Vorlage entsprechender Sicherheitsnachweise vorgenommen oder bis Mitte Juli zugesagt haben, verweigere sich das Land Niedersachsen offenbar.

Weiteres Material zum Thema Atomkraftwerke finden Sie hier.

Quellen für diesen Artikel
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5 Kommentare über “Viel Ärger um Atomkraftwerk Krümmel – Bundesumweltminister Gabriel sieht rot”

  1. birdfish schrieb:

    Die schleswig-holsteinische Sozialministerin ist ebenso wie ihre Kollegen aus anderen Ländern pikiert über das Ansinnen ihres Bundesumweltministers, die Entscheidungsgewalt der Atomaufsicht an sich zu ziehen.
    Dies berichtet die Tagesschau:
    http://www.tagesschau.de/inland/kruemmel132.html

  2. birdfish schrieb:

    ARD-Interview vom 6.7.09 mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zur Sicherheit von Atomkraftwerken (Video)
    http://tinyurl.com/m4mnnj

  3. birdfish schrieb:

    Der Kraftwerksleiter muss gehen. Somit ist zu aller Beruhigung ja schonmal EIN Bauernopfer ausfindig gemacht worden.

    Der NDR berichtet:
    “Ersten Ermittlungen zufolge sei der Grund für den neuen Vorfall im Reaktor menschliches Versagen. Vattenfall habe mitgeteilt, es sei schlichtweg vergessen worden, vor dem Wiederanfahren ein Überwachungsgerät am späteren Pannentransformator anzubringen. Dafür habe der Kraftwerksleiter die Verantwortung übernommen.”

    http://tinyurl.com/np9nkt

    Man gut, es war ‘menschliches Versagen’ und nicht dem Werk anzulasten. Das beruhigt ungemein.

  4. Rudolf schrieb:

    Bitte erst einmal nachdenken! Was ist denn passiert? Ein Trafo ist kaputtgegangen, alle Sicherheitsvorkehrungen haben das getan, was sie tun müssen, das Kraftwerk ist ordnungsgemäß abgefahren. Der “Störfall” passt nicht einmal in die niedrigste Kategorie der INES-Störfall- Liste.

  5. birdfish schrieb:

    Das ZDF dazu:
    http://www.youtube.com/watch?v=8sc7SerTdTM

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