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Projekt Desertec kommt gut voran – Afrika darf nicht abgehängt werden

Mittwoch 15. Juli 2009 von birdfish



In München hat sich Anfang dieser Woche die Desertec Industrie Initiative (DII) gegründet.

Wüstenstrom ist möglich
Thermisches Solarkraftwerk mit Parabolrinnenkollektoren in Spanien – (c) Markel Redondo / Greenpeace

Nach Ansicht von Greenpeace könnte das ein Meilenstein für die weltweite Nutzung von Solarkraftwerken in Wüstenregionen werden. Der DII haben sich zwölf Unternehmen angeschlossen. Sie wollen künftig die Analyse und Entwicklung solarthermischer Anlagen in den Wüsten Nordafrikas betreiben. Greenpeace fordert die beteiligten Unternehmen auf, das Desertec-Projekt entschlossen voranzubringen.

Positiv reagiert auch das Bundesumweltministerium auf das Projekt. Staatssekretär Matthias Machnig stellte anlässlich der Gründung noch einmal heraus, dass allein mit Solarenergie in Nordafrika soviel Strom produziert werden kann, dass damit der Eigenbedarf gedeckt werden kann und zusätzlich erhebliche Mengen nach Europa exportiert werden können. Solarthermische Kraftwerke seien eine zukunftsweisende Technologie und hätten ein enormes Potenzial.
Notwendig sei jetzt ein Masterplan zur Realisierung des Projektes. In drei Jahren müssen die Entscheidungsgrundlagen für die Umsetzung vorliegen, sagt Machnig.

Greenpeace unterstreicht, dass die Unternehmen Desertec als Alternative zu umweltschädlichem Atom- und Kohlestrom verstehen müssen und nicht als Konkurrenz zu dezentraler Windkraft und Photovoltaik in Deutschland.

Die Energiekonzerne, Finanzinstitute und Anlagenbauer können die Nutzung von Wüstenstrom zu einem weltweiten Vorbild machen. Den Ankündigungen müssen deshalb schnell Taten folgen und die Vision vom Sonnenstrom aus den Wüsten darf nicht als grünes Feigenblatt verkommen”, erklärt Andree Böhling, Energieexperte von Greeenpeace. “Die dramatische Klimaveränderung macht einen noch schnelleren Abschied von fossilen Energiequellen und die breite Nutzung von Ökostrom notwendig, der zukünftig auch aus Wüstenimporten bestehen kann. Der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik in Deutschland hat aber weiter Vorrang.” Dezentrale erneuerbare Technologien sollen zukünftig den Löwenanteil einer umweltfreundlichen Energieversorgung ausmachen.

Deutschland steht vor einer Systementscheidung in der Energiepolitik: Setzen wir auf den schnellen und vollständigen Ausbau Erneuerbarer Energien oder verbauen wir die Zukunft einer sauberen Energieversorgung mit Atom- und Kohlekraft? Andere Länder wie die USA und China schicken sich bereits an, Deutschland als Vorreiter im Bereich der Erneuerbaren Energien-Technologien zu überholen. Hier bieten solarthermische Kraftwerke laut einer Greenpeace-Studie neue industriepolitische Chancen für den Standort Deutschland: Heimische Unternehmen haben beim Bau der Anlagen mit einem Marktanteil von mehr als 30 Prozent weltweit eine Spitzenstellung. Durch eine internationale Nutzung dieser Technologie könnten in hiesigen Unternehmen zukünftig rund 250.000 Arbeitsplätze allein beim Bau der Kraftwerke entstehen.

“Deutsche Unternehmen haben das erforderliche Kapital und das technische Know-how, um sauberen Strom aus den Wüsten zu einem globalen Erfolgsmodell zu machen. Dies gilt gerade für Schwellenländer wie China und Indien, wo heute noch immer massenweise auf neue Kohlekraftwerke gesetzt wird”, so Böhling.

Greenpeace verlangt von der Bundesregierung, sichere politische Rahmenbedingungen für Investitionen in Übertragungsnetze und Solarkraftwerke zu schaffen. Dafür sollen Forschungsmittel und Fördergelder verstärkt von Atom- und Kohlekraftwerken in den Ausbau der Erneuerbaren Energien umgeleitet werden. Die Desertec Industrie Initiative soll gemeinschaftlich mit den Wüstenstaaten in Afrika und dem Nahen Osten vorgehen, neben solarthermischen Kraftwerken auch andere Erneuerbare Energien in das Konzept einbinden und von Beginn an die sozialen und ökologischen Folgen des Desertec Projekts für die Regionen berücksichtigen.

Hier setzt auch das Projekt SEPA (Solarenergiepartnerschaft mit Afrika) der Justus Liebig Universität in Gießen an.
Gerade hatten die Gießener ihre zweite Tagung zur Solarenergie-Partnerschaft mit Afrika (SEPA) hinter sich, folgte der Paukenschlag, dass das Industriekonsortiums schon im Oktober 2009 mit konkreten Planungen beginnen will, die Investitionen bis zu 400 Milliarden Euro für solarthermische Kraftwerke vorsehen.

Ziel der Münchener Rück AG als federführendes Unternehmen ist es, solarthermische Großkraftwerke in Nordafrika aufzubauen, die einen maßgeblichen Beitrag zur Elektrizitätsversorgung in Europa darstellen werden.
Diese technisch machbare und ökologisch saubere Lösung berücksichtige derzeit nur unzureichend gesellschaftliche Implikationen, warnen Gießener Wissenschaftler der SEPA-Arbeitsgruppe.

Nachdem die technischen Fragen im Zusammenhang mit der Gewinnung solarthermischen Stroms und der Weiterleitung nach Europa mittlerweile weitgehend lösbar erscheinen, halten es die SEPA-Experten für zwingend notwendig, sich verstärkt den bisher noch offen gebliebenen Fragen und Forschungsfeldern zu widmen. Diese zu identifizieren fällt der Gießener Arbeitsgruppe aufgrund ihrer interdisziplinären Zusammensetzung (Geographie, Geschichte, Physik, Chemie, Politik-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften) und einer mehrjährigen Vorarbeit nicht schwer. Aus ihrer Sicht kommt es nun darauf an, folgende Aspekte in die Diskussion einzubinden:

  • Analyse der politischen Rahmenbedingen in den nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainerstaaten,
  • Untersuchung der historisch-geographischen Vorbelastungen und aktuellen Konfliktpotentiale,
  • Möglichkeiten der Ausweitung auf afrikanische Staaten südlich der Sahara.

Als sensibel wird vor allem die Frage eingestuft, inwieweit die Konzepte des Konsortiums aus ihrer angedachten Energieversorgungsfunktion für Europa herausgelöst und in entwicklungspolitische Konzepte für den gesamten afrikanischen Kontinent integriert werden können. “Die angedachte Konzentration auf nordafrikanische Mittelmeeranrainer lässt die Befürchtung aufkommen, dass in den übrigen Regionen Afrikas trotz optimaler Sonneneinstrahlung ‘Weiße Flecken der Energieversorgung’ verbleiben“, sagt der Gießener Geograph Dr. Frank Schüssler und fragt gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Historiker Prof. Dr. Winfried Speitkamp: “Wird Afrika wieder abgehängt?” Es komme nun darauf an, die gesamtafrikanische Entwicklungsperspektive nicht aus den Augen zu verlieren. “Die Chancen dafür stehen besonders gut, da sich die Solarengieprojekte derzeit noch im Planungsstadium befinden”, betont Prof. Dr. Dirk van Laak. “Für eine Implementation von bislang bei afrikanischen Großprojekten allzu oft vergessenen sozialen und gesellschaftlichen Aspekten ist es noch nicht zu spät.”

Massive Direktinvestitionen sind genau das, was Afrika nach Ansicht der Gießener Wissenschaftler in der gegenwärtigen Situation dringend benötigt. Sensibles Vorgehen sei dabei gefragt. Es müsse jetzt ermittelt werden, wie hoch die Akzeptanz unter den betroffenen afrikanischen Bevölkerungsgruppen ist, inwieweit sie in SEPA-Projekte einbezogen werden können und wo gegebenenfalls historisch bedingte Empfindlichkeiten bestehen. Ermutigend wirken dabei positive Äußerungen afrikanischer Wissenschaftler während der Gießener SEPA-Tagung, die ihre konstruktive Zusammenarbeit bereits deutlich signalisierten. Die Länder Senegal und Namibia bieten dabei nicht nur hohe Potenziale, sondern eignen sich nach Ansicht der Gießener Wissenschaftler in geradezu idealer Weise als Multiplikatoren der SEPA-Idee im westlichen und südlichen Afrika.

Unsere Infoseite zu Wüstenstrom / solarthermischen Kraftwerken und weiteren Quellen

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