KLIMA-MEDIA.de Pressespiegel & Infoblog

Sommerliches Meereisminimum erreicht – große Erholung der Eisbedeckung bleibt aus

Montag 21. September 2009 von birdfish



Mit den kürzer werdenden Tagen geht auch die Saison der Eisschmelze in der Arktis zu Ende.

Das Eis wird weniger
Eisschollen in der Arktis – (c) AWI

Am 12. September registrierten Satellitenaufnahmen das Minimum in der diesjährigen Meereisbedeckung von 5,1 Millionen Quadratkilometern im Nordpolarmeer. Damit bestätigt sich die Entwicklung aus den letzten drei Jahren, dass die Eisausdehnung am Ende des Sommers nur noch etwa 70 Prozent des langfristigen Mittelwertes der Jahre 1979 bis 2000 beträgt. Dieser langfristige Mittelwert liegt bei knapp sieben Millionen Quadratkilometern, das Rekordminimum im Jahr 2007 lag bei 4,1 Millionen Quadratkilometern.

„Der Anteil mehrjährigen dicken Eises ist inzwischen soweit zurückgegangen, dass die sommerliche arktische Meereisbedeckung sehr viel empfindlicher auf atmosphärische Anomalien reagiert als noch vor zehn oder zwanzig Jahren“, bilanziert Prof. Dr. Rüdiger Gerdes, Meereisphysiker am Alfred-Wegener-Institut. Eine Rückkehr zu historischer Eisausdehnung von über sieben Millionen Quadratkilometern, wie sie bis Ende der 1990er Jahre regelmäßig auftrat, ist nicht zu erwarten.

Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft und des KlimaCampus der Universität Hamburg hatten wie bereits im Jahr 2008 ihre Prognosen im Frühsommer vorgestellt, um in einem Wettbewerb die beste Methode für zuverlässige Voraussagen der Eisverhältnisse im September zu finden. Dabei benutzen sie unterschiedliche Ansätze. „Grundlage unserer Prognose sind Eisbedeckungsgrad und Eisdicke am Ende des Winters, sowie die Wetterbedingungen während der Schmelzperiode“, erläutert Gerdes. Satellitenaufnahmen erfassen den Bedeckungsgrad des Meereises schon seit drei Jahrzehnten, wohingegen über die Eisdicke nach wie vor wenig bekannt ist. Dünnes Eis schmilzt dabei natürlich viel schneller als dickes mehrjähriges Eis. Der Datensatz zur Eisdicke konnte im Frühjahr durch Messflüge des Polarflugzeugs Polar 5 erweitert werden. „Durch den Einsatz von Polar 5 konnten wir die Reichweite gegenüber den Helikoptereinsätzen in den vergangenen Jahren deutlich erhöhen“, freut sich Dr. Stefan Hendricks vom Alfred-Wegener-Institut, der bei der Kampagne dabei war.

Polar 5
Polar 5 beim Start zu einem Messflug – (c) Johannes Käßbohrer / AWI

Nach wie vor stellen jedoch die Wetterverhältnisse, die die Eisschmelze maßgeblich beeinflussen, eine schwer berechenbare Variable dar. So gibt das Modell von Gerdes und Kollegen Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Meereisausdehnungen an, indem es die Wetterszenarien der letzten Jahrzehnte in die Berechnungen einbezieht. Im Rahmen des EU-Projektes DAMOCLES konnte zusammen mit den wissenschaftlichen Firmen OASys und FastOpt ein neues umfangreiches Modell entwickelt werden, das durch Optimierung der Anfangs- und Randbedingungen wesentlich enger den Beobachtungsdaten folgt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% erwarteten die Bremerhavener Wissenschaftler in ihrer Prognose im Frühsommer eine mittlere Bedeckung für den September von 4,5 bis 5,5 Millionen Quadratkilometern und lagen damit wie schon im letzten Jahr nahe an der Realität.

Die Hamburger Wissenschaftler um Prof. Dr. Lars Kaleschke gaben im Mai an, dass das absolute Meereisminimum von 2007 nur mit einer Wahrscheinlichkeit von sieben Prozent unterschritten würde. Die im Mai prognostizierte Fläche von 4,9 Millionen Quadratkilometern ist nun im Rahmen der geschätzten Unsicherheit von 0,4 Millionen Quadratkilometern erreicht worden. Unabhängig von Wetterphänomenen beruhte ihre Prognose auf einem statistischen Vorhersageverfahren. Sie nutzen die mit 36 Aufzeichnungsjahren längste globale Klimazeitreihe, die es aus Satellitenmessungen gibt. Die Prognose basierte auf der Annahme eines sich beschleunigenden langfristigen Trends. Dem langfristigen Trend sind statistische Fluktuationen überlagert, welche dazu führen, dass in diesem Jahr die Fläche etwas über dem Wert vom letzten Jahr liegt. „Die Satellitenmessungen dieses Jahres bestätigen also erneut, dass sich der langfristige Trend offenbar beschleunigt fortsetzt“, bilanziert Kaleschke.

Auch Greenpeace konstatiert, dass es im Sommer 2009 zwar keinen neuen Rekordrückgang bei der Meereisbedeckung in der Arktis gegeben hat. Dieses jedoch kein Grund zur Entwarnung ist. “Fakt ist: Die Ausdehnung des arktischen Meereises ist immer noch deutlich geringer, als die Rechenmodelle des Weltklimarates IPCC prognostizieren. Damit setzt sich der seit 30 Jahren bestehende Abwärtstrend fort.” erläutert Meeresbiologin Iris Menn.

Die Schmelze des arktischen Meereises trägt im Gegensatz zu der Gletscherschmelze Grönlands nicht zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Aber sie ist deshalb nicht weniger wichtig oder weniger dramatisch. Denn für die Tiere der Arktis, die wie Eisbären, Robben oder Walrösser unmittelbar auf das Eis angewiesen sind, ist der Rückgang der gefrorenen Flächen fatal. Sie werden ohne Meereis nicht überleben können.

Probebohrung Arktis
Auf der Arktis-Tour des Greenpeace-Schiffes ‘Arctic Sunrise’ entnehmen Wissenschaftler Proben bei Eisbohrungen in der Framstraße. – (c) Iris Menn / Greenpeace

Zudem bewirkt der Rückgang der Eisflächen einen fatalen Effekt: Denn während das weiße Eis die einfallende Sonnenstrahlung reflektiert, nimmt das durch die Eisschmelze freigelegte dunkle Meerwasser die Strahlung auf und wandelt sie in Wärme um. Dadurch wird der Ozean wärmer und heizt somit die Eisschmelze weiter an. So verstärken sich die Auswirkungen des Klimwandels in einer positiven Rückkopplungsschleife.

Iris Menn ist zurzeit in der Arktis an Bord des Greenpeace-Schiffes Arctic Sunrise. Dort unterstützt sie Klimaforscher bei ihrer Arbeit und berichtet darüber regelmäßig in ihrem Blog. Die Veränderungen, die die Wissenschaftler in und um Grönland beobachten, sind ein Beleg für die dramatischen Veränderungen in der arktischen Region, ausgelöst durch den menschengemachten Klimawandel. “Die Staats- und Regierungschefs der Industrienationen haben auf dem UN-Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen die Chance, ein starkes Klimaschutzpaket zu verabschieden”, sagt Menn. “Bundeskanzlerin Angela Merkel muss sich dort für ein scharfes und verbindliches Klimaabkommen einsetzen.”

Meereisbedeckung im Vergleich

Abb.: Meereisbedeckung der Arktis im Vergleich
Die durchgezogene graue Linie zeigt die durchschnittliche Ausdehnung der Jahre 1979 bis 2000 mit Standardabweichung (graue Fläche). Die durchgezogene hellblaue Linie bildet die Werte aus dem Jahr 2009 ab, die dunkelblaue aus dem Jahr 2008. Die gestrichelte grüne Linie zeigt die Werte aus dem Jahr des absoluten Minimums 2007 und die hellgrüne die aus dem Jahr 2005. Quelle: National Snow and Ice Data Centre, USA


Mehr zu dem internationalen wissenschaftlichen Wettstreit finden Sie hier.

Arktis-Blog von Meeresbiologin Iris Menn

Schlagworte:
, , , , , , , , , , , , , , ,

Verwandte Artikel

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 21. September 2009. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

Ein Kommentar über “Sommerliches Meereisminimum erreicht – große Erholung der Eisbedeckung bleibt aus”

  1. birdfish schrieb:

    Klimawandel-Gewinnler ante portas…
    “Reeder und Rohstoffkonzerne wollen Nordostpassage erobern” ein Online-Artikel des Spiegel vom 17.09.09.

    ‘Erstmals haben zwei deutsche Handelsschiffe die Nordostpasssage durchfahren – und damit Hoffnungen geweckt: Reedereien spekulieren auf kostengünstige Routen, die Industrie auf gute Geschäfte mit Rohstoffen. Dabei hat der neue Handelsweg auch Nachteile. [...]‘

Kommentar schreiben