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Globales Biodiversitätsziel, das Artensterben aufzuhalten, konnte nicht erreicht werden

Mittwoch 14. Oktober 2009 von birdfish



Das globale Ziel, bis 2010 den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, wird nach Ansicht führender Biodiversitätsexperten nicht erreicht werden.

Biotope gefährdet

Arten in Süßwassern sind besonders bedroht – (c) Dagmar Struß

Der steigende Wasserbedarf und Missmanagement führen gerade in Süßwassersystemen zu einem “katastrophalen Schwinden” der biologischen Vielfalt. Über 600 Experten aus 70 Ländern treffen sich in dieser Woche in Kapstadt zur DIVERSITAS, der größten weltweiten Konferenz zur Biodiversitätsforschung.

Biodiversitätsexperten sind mit einer bitteren Erkenntnis in ihren Weltkongress nach Kapstadt gefahren: Die Weltgemeinschaft wird ihr selbst gestecktes Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt bis zum nächsten Jahr einzudämmen, nicht erfüllen können. Dieses Ziel war auf der sechsten Vertragsstaaten-Konferenz der UN-Konvention zum Erhalt der biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity – CBD) im April 2002 beschlossen worden. 123 Minister und hochrangige Staatsvertreter aus aller Welt hatten sich verpflichtet, das rasante Schwinden der biologischen Vielfalt bis 2010 deutlich zu bremsen, als “Beitrag zur Verminderung der Armut und zum Nutzen allen Lebens auf der Erde.” Bislang ohne Erfolg – die Verlustrate ist höher denn je. “Damit werden wir auch einige der UN-Millenniums-Entwicklungsziele für 2015 verpassen, nämlich den Gesundheitsstatus und die Lebensbedingungen der Ärmsten deutlich zu verbessern”, urteilt Georgina Mace vom Imperial College in London. Sie ist Vize-Präsidentin des internationalen DIVERSITAS-Programms, welches die zweite Wissenschaftskonferenz dieser Art mit 600 Experten aus aller Welt diese Woche in Kapstadt veranstaltet. “Es gibt kaum ein wichtigeres Anliegen, als die vielfältigen Servicefunktionen von Ökosystemen zu erhalten. Das geht nur auf Basis einer hohen biologischen Vielfalt”, sagt Mace. “Sie ist letztendlich Grundlage für ausreichend Nahrung, Energie, sauberes Wasser und ein stabiles Klima. Die Aussterberate der Arten liegt mindestens um den Faktor hundert höher als normal und es ist abzusehen, dass sie weiter ansteigt.” Allerdings sei die Situation nicht hoffnungslos. Wichtige Schritte hätten schon in den letzten Jahren unternommen werden sollen. “Der nächste gute Zeitpunkt ist jetzt.”

In Flüssen und Seen leben die am stärksten bedrohten Tierarten

Massives Missmanagement, steigende Temperaturen im Zuge des Klimawandels, die rapide Ausbreitung nicht einheimischer Arten und der wachsende Bedarf an sauberem Wasser führen dazu, dass immer mehr Süßwassersysteme kollabieren. Die Aussterberaten von Süßwasserspezies sind 4 bis 6 Mal höher als die ihrer Verwandten an Land oder in Ozeanen. Besonders Regionen wie der Mittelmeerraum, Mittelamerika, China und Südostasien sind betroffen. Klement Tockner, Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, betont: “Seen und Flüsse bedecken zwar nur 0,8 Prozent der Erdoberfläche, sie beherbergen jedoch etwa 10 Prozent aller Tierarten und mehr als 35 Prozent aller Wirbeltierarten. Es gibt deutliche Hinweise dafür, dass wir am Beginn einer großen Krise stehen, was die Artenvielfalt unserer Binnengewässer betrifft. Wenige sind sich im Klaren darüber, wie massiv der Verlust auf lokaler, aber auch auf globaler Ebene sein wird. Die Auswirkungen auf dem Menschen werden enorm sein.” Denn, so ergänzt Tockner, “die Lebewesen in Flüssen, Seen und Feuchtgebieten leisten unverzichtbare Serviceaufgaben – mehr als in anderen Ökosystemen” Das betrifft Bereiche wir die Reinhaltung von Trinkwasser, die Kontrolle der Ausbreitung von Krankheitserregern, die Landwirtschaft und die Fischerei. Einige Wissenschaftler gehen beispielsweise davon aus, dass ab dem Jahr 2025 kein einziger Fluss in China – ausgenommen bei Hochwasser – mehr das Meer erreichen wird. Das wird gravierende Auswirkungen auf die Biodiversität und die Küstenfischerei haben.

Tockner weist auch auf die wichtige Funktion von Binnengewässern und Feuchtgebieten als Kohlenstoffspeicher hin. Sie binden rund 7 Prozent des Kohlenstoffs, den Menschen jährlich in die Atmosphäre abgeben. So können Gewässer auf regionaler Ebene maßgeblich den Kohlenstoffhaushalt und damit unser Klima beeinflussen. “Das ist die Leistung von unzähligen Organismen im Gewässer, angefangen bei den Wasserpflanzen bis hin zu den Bakterien. Trotz der herausragenden ökologischen und ökonomischen Bedeutung der Artenvielfalt dieser Ökosysteme hat ihr Schutz kaum Priorität bei politischen Entscheidungen”, sagt Tockner. “Erst vor kurzem, hat die Europäische Union die Initiative übernommen, die Situation durch die Biodiversitätsstrategie der Europäischen Kommission zu verbessern, und in den USA hat der Supreme Court beschieden, dass Feuchtgebiete und Fließgewässer am anfälligsten für den Verlust der Biodiversität sind.”

Klement Tockner, der auch Sprecher des Leibniz-Verbundes Biodiversität ist, wird seine Forschungsergebnisse zusammen mit dem Kollegen Charles Vörösmarty von der Universität New York auf einem der 25 Konferenzsymposien vorstellen. Er möchte außerdem die Gelegenheit nutzen, weitere Wissenschaftler einzuladen, eine gemeinsame Handlungsempfehlung für politische Entscheidungsträger zu formulieren und zukünftige Forschungsschwerpunkte zu definieren.

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