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Schweizer Agrosprit-Anlage wird weite Teile des Tropenwaldes in Mosambik zerstören

Sonntag 10. Januar 2010 von birdfish



Die Gemeinde Bad Zurzach im Schweizer Kanton Aargau hat die Baubewilligung für eine Agrosprit-Anlage erteilt.

Jatropha variifolia
Jatropha-Blüten – (c) Frank Vincentz / Wikipedia

Die Green Bio Fuel Switzerland AG will auf einem ehemaligen Industriegelände zukünftig 130 Millionen Liter Agrosprit pro Jahr produzieren. Green Bio Fuel Switzerland lockt mit der Aussicht, dass auf diese Weise 200.000 Tonnen CO2 eingespart werden könnten. Das allein würde ausreichen, um 10 Prozent der Schweizer Verpflichtungen aus dem Kyoto Protokoll zu erfüllen. Gemeindeammann Franz Nebel freut sich über die neuen Arbeitsplätze. Die Gefahr eines Imageschadens sieht er nicht, ist die Industrieanlage doch ausreichend weit vom Kurzentrum des Ortes entfernt. Bad Zurzach soll auch zukünftig mit „Wellness, Gesundheit und Tourismus“ verbunden werden, wie es sich die Marketingstrategen vor Ort wünschen. Was würden sie wohl sagen, wenn Bad Zurzach zukünftig für „Umweltzerstörung, Landnahme und Hunger“ steht? Denn all das sind die Folgen der geplanten Agrosprit-Anlage.

In der Bad Zurzacher Anlage soll auch aus der Jatropha-Pflanze „Bio-Diesel“ gewonnen werden. Angebaut wird dieser „nachwachsende Rohstoff“ in Mosambik. Niemand scheint sich bisher darüber Gedanken gemacht zu haben, welche Folgen eine Schweizer Agrosprit-Anlage für das afrikanische Land hätte. Dort geht es weniger um Imageschäden, als ums nackte Überleben.

33 Millionen Hektar, das sind 40 Prozent der gesamten Landesfläche von Mosambik, sollen zukünftig nachwachsende Rohstoffe für Bio-Sprit in Europa liefern. Die Landwirtschaft – Mosambiks größter Wirtschaftsfaktor – wird sich vollständig umstrukturieren. Der Anbau von Lebensmitteln wird immer weiter zurückgedrängt werden, um Felder für den Agrosprit-Rohstoff frei zu machen. Schon im vergangenen Jahr hat das Welternährungsprogramm der UN in 7 von 11 Provinzen Mosambiks Ernährungsunsicherheit vorausgesagt. Aufgrund schlechter Ernten droht bis zu 350.000 Menschen Hunger.

Um neue Flächen für die Monokulturen zu gewinnen, wird Tropenwald gerodet. Die einzigartige Vielfalt dieses Waldes und der Lebensraum vieler kleiner Dorfgemeinschaften werden rücksichtslos von den Konzernen zerstört. Dass dabei weit mehr CO2 freigesetzt wird, als die Schweiz später mit dem Einsatz des Agrosprits einspart, findet sich in keiner Rechnung wieder. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Sommer 2009 widerlegt weitere positiven Eigenschaften, welche die Jatropha-Pflanze für Mosambik zugeschrieben werden. – Die Jatropha-Pflanze braucht selbst auf relativ fruchtbaren Böden noch Wasser. In Mosambik sind fruchtbare Böden schon jetzt knapp. – Um die geplanten Ernteerträge einzufahren, muss Tropenwald zerstört und durch Plantagen ersetzt werden. – Die Jatropha-Pflanze ist kein wirtschaftliches Erfolgsmodell für die Bauern, da sie ein hohes Risiko tragen und von den Konzernen abhängig sind. – Die Rechte der Dorfgemeinschaften sind schon jetzt stark beeinträchtigt worden. Die Landrechte werden immer weiter beschränkt, damit Konzerne günstige Rahmenbedingungen vorfinden.

Hier findet sich die komplette Studie (PDF, engl.).

Wenn Sie den Protest der Organisation “Rettet den Regenwald” unterstützen möchten, so können Sie das auf deren Website tun.

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2 Kommentare über “Schweizer Agrosprit-Anlage wird weite Teile des Tropenwaldes in Mosambik zerstören”

  1. Ralph Schöne schrieb:

    Die Schaffung von Monokulturen zur Produktion von Bio Fuel auf Agrarflächen, die neu durch Zerstörung des natürlichen Regenwaldes entstehen, kann den Klimawandel nur beschleunigen, statt ihn zu verhindern, denn die im Regenwald dauerhaft gespeicherte Biomasse wird bei Rodung praktisch ersatzlos in zusätzliches klimaschädliches CO2 umgesetzt.
    Der Artikel passt grundsätzlich in dieses Bild.
    Außer der englischsprachigen Studie werden aber keinerlei überprüfbare wissenschaftlichen Quellenangaben für die aufgeführten Behauptungen genannt, und in keiner Zeile des Artikels wird begründet, dass die Schweizer Anlage tatsächlich zur zusätzlichen Rodung von Regenwald führt.
    Falls die Anlage ihren Rohstoffbedarf aus schon vorhandenen Agrarflächen bezieht, wäre ein nachhaltig positiver Effekt für den Klimaschutz gegeben, die reißerische Schlagzeile des Artikels dagegen nicht nur falsch, sondern sogar irreführend und diffamierend…
    Mit einer derart nachlässigen, intransparenten “Berichterstattung” kann man keinen gebildeten, rationell denkenden Menschen wirklich überzeugen, und zwar selbst dann nicht, wenn der Leser bereits vom Kerngedanken des notwendigen Umdenkens für nachhaltigen Klimaschutz völlig überzeugt ist.
    Einfache Polemik kann bei allem gutem Willen kein Ersatz für eine solide, belastbare Berichterstattung mit für jederman überprüfbaren Fakten sein! Im übrigen sollte man es im seriösen Journalismus tunlichst unterlassen, dem deutschen Otto Normalverbraucher englischsprachige Fachtexte als “Beweis” vorzusetzen, die er weder verstehen noch beurteilen kann!

    MfG, Ralph Schöne

  2. birdfish schrieb:

    Hallo Herr Schöne,

    vielen Dank, dass Sie sich hier beteiligen und ihren Ärger artikuliert haben.

    Das ist in der Tat ein Problem, dass die meisten wissenschaftlichen Studien – selbst viele derjenigen, die in Deutschland verfasst wurden – schließlich in englischer Sprache publiziert werden.

    Eine Zusammenfassung der besagten englischen Studie habe ich hier noch auf deutsch gefunden.

    Eine ansehnliche Anzahl schweizer und internationaler Organisationen (SWISSAID, Terre des Hommes und viele mehr) stehen hinter dem Protest. Gleiches gilt für die Organsation “Rettet den Regenwald”.

    In dem deutschen Text finden Sie auch die Aussage, dass sich kein anderes verfügbares, fruchtbares Land mehr auf Mosambik befindet, warum die Quelle Mosambik dann zugleich bedeutet, dass neue Fläche her muss, die dann nur noch aus dem Noch-Regenwald gewonnen werden kann.

    Hier vertraue ich den bewährten und seriösen Informationsquellen.

    Mit besten Grüßen,
    Dagmar Struß

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