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Staat soll Bauern fördern, die Landwirtschaft künftig klimafreundlicher gestalten wollen

Montag 18. Januar 2010 von birdfish



WWF und Greenpeace fordern, Bauern finanziell zu entlohnen, die aktiv den Schutz von Klima, Wasser und Biologischer Vielfalt betreiben.

Biodorf Jühnde
Deutschlands erstes Bioenergiedorf Jühnde erzeugt seinen Energiebedarf durch Biomasse selbst. – (c) Paul Langrock/Zenit / Greenpeace

Spätestens mit dem Inkrafttreten der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik im Jahr 2014 müssen Agrarsubventionen grundsätzlich an ökologische Kriterien gekoppelt werden. Der WWF stützt sich bei seinen Forderungen auf ein aktuelles Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU). Das Beratungsgremium der Bundesregierung  fordert von der Landwirtschaft nicht mehr nur die preiswerte Produktion von Lebensmitteln, sondern zugleich einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz. Dies sei das wichtigste öffentliche Gut, das zukünftig von der Landwirtschaft bereitgestellt werden müsse. „Auch wenn es Agrarlobbyisten alter Schule nicht gerne hören, wir müssen uns davon verabschieden, immer mehr, immer billiger zu produzieren“, so WWF-Agrarreferent Matthias Meissner. Man brauche ein neues Leitbild für die europäische Landwirtschaftspolitik.

Der WWF fordert die Bundesregierung auf, den Rat ihrer eigenen Experten zu befolgen. Ein derart wichtiges Politikfeld dürfe nicht den Interessen der ausschließlich an kurzfristigen Gewinnen orientierten Agrarindustriellen überlassen werden. „Einige Vertreter der Agrarlobby spielen noch immer Blinde Kuh und wollen die essentielle Bedeutung von Umwelt- und Klimaschutz für die wirtschaftliche Zukunft der heimischen Landwirtschaft einfach nicht sehen“, sagt Meissner.

Die Landwirtschaft trägt nicht unerheblich zum Treibhausgasausstoß bei. Das ist bekannt – auch im Bundeslandwirtschaftsministerium. In einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung rechnete Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner jüngst den Anteil auf sechs Prozent herunter. Wie das geht? Ganz einfach. Man berücksichtige nur Lachgas und Methan und lasse den CO2-Ausstoß völlig außen vor.

“Fahrlässig” nennt der Agrarwissenschaftler Martin Hofstetter diese Art, das Problem kleinzureden. Die Landwirtschaft sei zu einem beträchtlichen Teil mitschuldig am Klimawandel, bei den Klimagasen Lachgas und Methan sogar hauptverantwortlich. Es bestehe erheblicher Handlungsbedarf.

“Fakt ist, dass die Landwirtschaft hierzulande allein durch Ackerbau und Viehhaltung elf Prozent der Klimagase ausstößt. Nimmt man zugekaufte Dünge- und Futtermittel und den eingesetzten Agrardiesel hinzu, sind es sogar 16 Prozent. Das sind keine Peanuts – es entspricht dem Klimagas-Ausstoß des Verkehrs.”

Greenpeace-Experte Hofstetter empfiehlt der Ministerin, den Klimabericht aus ihrem eigenen Haus gründlich zu lesen, bevor sie mit anderen Agrarministern über das Thema diskutiert. In dem Bericht wird zusammengefasst, wie viel Klimagase in welchem Bereich der Landwirtschaft entstehen. Und es werden zahlreiche notwendige Maßnahmen daraus abgeleitet, beispielsweise eine bessere angepasste Bodenbewirtschaftung, Reduzierung der Stickstoffdüngung und die Verminderung der Fleischproduktion.

“Das passiert nicht von allein, sondern nur durch staatliches Eingreifen. Statt Augenwischerei zu betreiben, müssen die Bedingungen für ein klimafreundliches Wirtschaften verbessert werden. Letztendlich kommen wir in Deutschland auch an einer ehrlichen Diskussion über die Höhe der Fleischerzeugung und des Fleischkonsums nicht vorbei”, so Martin Hofstetter. Allein aus der Tierhaltung stammen, die dazugehörige Futterproduktion mit eingerechnet, umgerechnet drei Viertel der Klimagase.

Es besteht auf allen Ebenen der Agrarproduktion ein erheblicher Regelungsbedarf, um die Treibhausgase zu reduzieren. Besonders wichtig ist, dass humusreiche Böden richtig bewirtschaftet und ehemalige Moore wieder vernässt werden, um dort den Abbau von Kohlenstoff zu stoppen. Auch muss der Nawaro-Bonus geändert werden – der Bonus für Strom aus nachwachsenden Rohstoffen. Er führt derzeit dazu, dass auf immer mehr Äckern humuszehrender Mais für Biogasanlagen angebaut wird. Stattdessen sollten Biogasanlagen auf Güllebasis stärker gefördert werden. Zudem muss die Stickstoffdüngung drastisch beschränkt und mit einer Abgabe belegt werden. Denn allein aus der mineralischen Düngung stammen derzeit umgerechnet 24,3 Millionen Tonnen CO2 jährlich.

So fasst Greenpeace zusammen: Der Staat sollte Bauern fördern, die auf eine klimafreundliche Landwirtschaft umsteigen wollen, zum Beispiel auf  Ökolandbau oder eine klimafreundlichere Gülleverarbeitung über Biogasanlagen. Auch die EU ist gefragt: Agrarsubventionen darf es nur noch für Betriebe geben, die nachweislich klimafreundlich wirtschaften.

So sieht es auch der WWF und sagt, dass die Agrarpolitik europaweit an den gleichen Umweltstandards gemessen und durch ein einheitliches Subventionssystem gefördert werden sollte. Ausdrücklich begrüßt der WWF die Vorschläge des SRU zur Beseitigung der bisher praktizierten Einkommensübertragung an Landwirte durch die Einführung einer Landwirtschaftpolitik, die Leistungen für den Natur-, Klima- und Ressourcenschutzes honoriere. Sinnvoll sei z.B. eine ökologische Grundprämie, die an etwa zehn Prozent ökologische Vorrangflächen auf der landwirtschaftlicher Nutzfläche und andere Öko-Mindestleistungen gekoppelt sei. Die Vorschläge des SRU, Agrarumweltmaßnahmen auf die Grundprämie aufzusatteln und die Naturschutzleistungen auch ohne zwingenden Bezug zur Landwirtschaft zu fördern, gingen ebenfalls in die richtige Richtung.

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