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Oxfam-Studie: Der Klimawandel bedroht Lebensgrundlagen von 1,7 Mrd. Kleinbauern – Agrarministertreffen ohne verbindliche Ziele

Mittwoch 20. Januar 2010 von birdfish



Der Klimawandel gefährdet die Lebensgrundlagen von 1,7 Mrd. Kleinbauern.

Klimaopfer Bangladesch
Rahela Begum (40) aus Bangladesch drischt mit ihrem Mann die magere Reisernte. Seit das Klima verrückt spielt, trocknen ihre Felder regelmäßig aus oder werden überflutet. (c) Oxfam

Das geht aus der Oxfam-Studie ‘People-Centred Resilience’ hervor. Die betroffenen Kleinbauern – davon 837 Millionen in Asien und 228 Millionen in Afrika – leben in ertragsschwachen und benachteiligten Gebieten, teils mit geringen Niederschlägen. Oxfam forderte daher die Teilnehmer des Berliner Agrarministergipfels auf, sich für agrar-ökologische Anbauverfahren einzusetzen, um Bodenschutz und Bodenfruchtbarkeit nachhaltig zu verbessern. ‘Diese Unterstützung zahlt sich dreifach aus: Sie verbessert die Ernährungssituation, fördert die Anpassung an den Klimawandel und hilft, Treibhausgase zu reduzieren’, erklärte Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale.

Umweltschonende Anbaumethoden würden allerdings bislang bei der Hungerbekämpfung kaum berücksichtigt. ‘Der EU-Fonds in Höhe von einer Milliarde Euro, der während der Nahrungsmittelkrise 2008 geschaffen wurde, finanziert nur zu 14 Prozent Projekte mit einer agrar-ökologischen Komponente’, kritisiert Wiggerthale. Hingegen fließen 51 Prozent der Mittel in Projekte, in denen Pestizide verwendet werden. ‘Die Landbewirtschaftung muss weniger auf Düngemittel, Pestizide und Technologie setzen, und mehr auf ökologische Anbaumethoden und traditionelles Wissen. So können Klimarisiken und damit auch Hunger und Armut für Kleinbauern erheblich verringert werden’, sagt Wiggerthale.

Laut Studie sind in Entwicklungsländern bereits 384 Millionen Hektar vom Verlust der Bodenfruchtbarkeit betroffen. Die fruchtbare Humusschicht werde immer dünner. In Afrika treffe dies für 65 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche zu.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat kürzlich erklärt, es müssten vermehrt Treibhausgase aus der Nahrungsmittelproduktion in Kauf genommen werden, damit genügend Lebensmittel für alle Menschen verfügbar seien. Oxfam widerspricht dieser Auffassung. ‘Für den Klimaschutz macht es einen bedeutenden Unterschied, ob Düngemittel und Pestizide oder agrarökologische Anbauverfahren eingesetzt werden’, so Wiggerthale. Lachgas-Emissionen beim Ausbringen von Dünger sowie der Humusabbau durch die intensive Landbewirtschaftung trügen zum Klimawandel bei. Wichtig sei ein klimapolitischer Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft hierzulande. ‘Das Ziel: Weniger Fleisch, weniger klimaschädliche Überdüngung, mehr Bodenschutz und mehr Grünland’.

Das Handelsblatt zitiert vom Agrargipfel die Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner. “Wir Agrarminister wollen dort weitergehen, wo die Staatengemeinschaft in Kopenhagen vorerst Stopp gemacht hat”, sagte die CSU-Frau. Sie räumte einen Konflikt zwischen Ernährungssicherung und Klimaschutz ein. “Um im Jahr 2050 alle Menschen auf unserem Planeten mit Lebensmitteln zu versorgen, muss das verfügbare Angebot an Lebensmitteln um 70 Prozent gesteigert werden”, sagte sie. “Andererseits müssen wir aber auch alles daran setzen, die Klimabelastungen zu begrenzen. Die Landwirte sind Verursacher und Leidtragende auf der anderen Seite zugleich.” Agrarprodukte müssten möglichst klimaschonend hergestellt werden.

Das hörte sich gut an, aber Verbindliches kam dann bei dem Gipfel der Landwirtschaftsminister nicht heraus. Man verständigte sich lediglich darauf, dass jedes Land Aktionen gegen den Klimawandel prüfen möge und dass man erwägt, Projekte zur Speicherung von Kohlenstoff in den Böden zu fördern. Kein großer Wurf in Anbetracht dessen, dass die Landwirtschaft nach Angaben des UN-Klimarats einen Anteil von etwa zwölf Prozent am globalen Ausstoß von Treibhausgasen hat. (Handelsblatt vom 17.01.10)

Der WWF formuliert das Fazit der Veranstaltung noch schärfer. “Mehr als warme Worte kamen bei dem Treffen nicht heraus”, so die Einschätzung von Matthias Meißner, Agrarreferent des WWF Deutschland. Die Abschlusserklärung sei eine Ansammlung von schwachen Formulierungen. Handlungsempfehlungen und Zielvorgaben suche man vergeblich. Die Minister konstatierten, dass die Branche stark unter dem Klimawandel zu leiden habe, aber sie bekannten sich nicht zu einem konkreten Klimaschutzprogramm. Der WWF betont: “weltweit gehen mindestens 14 Prozent des Treibhausgasausstoßes direkt auf das Konto der Landwirtschaft. Hinzu kommen Emissionen, die durch die Umwandlung von Wäldern zu Ackerland freigesetzt werden.” Hier bestehe dringender Handlungsbedarf. Leider wehre sich die Branche nach wie vor gegen konkrete Klimaschutzvorgaben. Klare Worte zur Umsetzung seien die Minister bei dem Treffen in Berlin schuldig geblieben. Viele wichtige Themenbereiche, wie der Schutz der weltweiten Biologischen Vielfalt; der Schutz von natürlichen Ressourcen und Konsumveränderungen fehlten im Papier gänzlich.

“Das vollmundig zum Agrargipfel deklarierte Treffen ist erneut zur überflüssigen Messefolklore zur Grünen Woche verkommen”, so Matthias Meißner. Es werde höchste Zeit, dass das Bundesministerium für Ernäh-rung Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) seine Hausaufgaben erledige. Dazu gehöre es, die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft voranzutreiben. Leider ließen die der jüngsten Äußerungen von Ministerin Ilse Aigner zur Klimarelevanz der Landwirtschaft kein Umdenken erkennen. Die vom BMELV angestrebte Führungsrolle Deutschlands werde nur umsetzbar sein, wenn BMZ und BMELV gemeinsam ihre Politik das Thema Sicherung der Welternährung an konsequenten Nachhaltigkeitskriterien ausrichten und die schwächelnden UN-Prozesse neu beleben.

Die Oxfam-Studie  ‘People-Centred Resilience’ kann hier angesehen werden. (PDF, engl.)

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