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Umweltverbände legten eigenes Modell vor: Pkw-Verbrauchslabel für den Klimaschutz

Mittwoch 2. Juni 2010 von birdfish



Bundeskanzlerin Merkel verkündete Anfang Mai, Bundesregierung und Autoindustrie hätten sich auf eine Verbrauchskennzeichnung für Pkw geeinigt.

Pkw-Labels
Welche Autos sind Klimakiller? – Foto: Rainer Sturm / Pixelio

Der Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD), die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) und der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) haben nun anlässlich einer Pressekonferenz in Berlin das geplante Label nach eingehender Prüfung als Mogelpackung kritisiert und ein eigenes Modell vorgelegt. Vor allem die schweren Limousinen und Luxus-Geländewagen schneiden nach dem Vorschlag von Bundesregierung und Autoindustrie als vermeintlich “besonders empfehlenswert” ab. Die Verbände forderten die Bundesregierung deshalb auf, dieses im Schulterschluss mit den deutschen Autobauern erarbeitete Modell grundsätzlich zu überarbeiten.

Jürgen Resch, DUH-Bundesgeschäftsführer, kritisiert: „Seit Jahren warten die deutschen Autokäufer auf eine verbraucherfreundliche und eingängige Kennzeichnung des Spritverbrauchs und der CO2-Emissionen für PKW. Das jetzt von der schwarz-gelben Bundesregierung gemeinsam mit der Autoindustrie entwickelte Label ist der durchsichtige Versuch, die derzeit schwerverkäuflichen Spritschlucker aus deutscher Automobilproduktion grün anzustreichen und deren Absatz zu fördern.“

Nach Berechnungen des VCD bekäme der Porsche Cayenne Hybrid, eine geländegängige Luxuslimousine mit 380 PS, einer Höchstgeschwindigkeit von 242 km/h und einem CO2-Ausstoß von 193 g/km beim Modell der Bundesregierung die Kennzeichnung B. Der BMW ActiveHybrid X6, der 231 Gramm CO2 je Kilometer ausstößt, erhielte ein C. Genau diese Kennzeichnung bekäme auch der Mercedes A 180 CDI mit einem CO2-Ausstoß von nur 128 g/km sowie der Smart cdi, das Serienauto mit dem aktuell niedrigsten CO2-Ausstoß von 86 g/km. Kleinwagen wie der Toyota Aygo mit einem Verbrauch von 4,5 Liter Benzin und einem CO2-Ausstoß von 106 g/km bekämen hingegen ein D. Für ein A müssten diese Modelle einen Verbrauch von unter 3,5 Liter erreichen.

„Damit kämen 2,5 Tonnen schwere Geländewagen mit einem Verbrauch von 10 Litern Benzin absurderweise auf eine klimafreundlichere Klasseneinteilung als Autos mit ebenso vielen Sitzplätzen, die aber nur halb so viel verbrauchen“, so Resch weiter. „Das ist Verbrauchertäuschung pur und bietet keinerlei Entscheidungshilfe für einen am Klimaschutz orientierten Autokauf“. Es sei erkennbar, dass sich die zu kontrollierende Branche ihre Regeln selbst setzen möchte – konsequenterweise waren an der Erarbeitung weder das fachlich kompetente Umweltbundesamt noch Experten der Umwelt- und Verbraucherverbände beteiligt.

Michael Müller-Görnert, VCD-Verkehrsexperte, erklärt: „Das CO2-Label ist ein Instrument, das Verbraucher einfach und verständlich über die Effizienz von Neufahrzeugen informieren und zu verbrauchsärmeren Autos führen soll. Der Vorschlag der Bundesregierung dient eher den Verkaufsinteressen der deutschen Autoindustrie, die ihre wuchtigen Spritschlucker absetzen will, und weniger der Verbraucherinformation sowie dem Klimaschutz. Wir brauchen eine ökologisch sinnvolle Regelung, die auch EU-weit gültig ist. Denn es ist Verbrauchern nicht zu vermitteln, warum ein bestimmtes Modell unter Umständen in einzelnen Ländern deutlich anders eingestuft und gekennzeichnet wird.“

Daher orientiere sich das Modell der Umweltverbände an der Ende 2008 beschlossenen EU-Regulierung zur Verringerung der CO2-Emissionen von Neuwagen. Diese sieht vor, ab 2012 den durchschnittlichen CO2-Ausstoß aller in der EU zugelassenen Fahrzeuge auf 130 Gramm pro Kilometer zu begrenzen. Nach dem Modell der Umweltverbände können Fahrzeuge nur dann ein “A” erhalten, wenn sie ihren spezifischen Referenzwert um mehr als 25 Prozent unterschreiten und nicht mehr als 100 g CO2/km ausstoßen. „Unser Modell setzt Anreize für alle Fahrzeuge und belohnt ausschließlich die Effizienz“, betont Müller-Görnert. So erhielten nur die beiden besonders effizienten Modelle Toyota Prius und VW Polo BlueMotion ein “A”. Mit dem VW Passat BlueMotion und dem BMW 320d Efficient Dynamics Edition schnitten aber auch größere Wagen der Mittelklasse relativ gut ab, die besonders sparsam sind und damit ein “B” bekämen. Dies gelte auch für den noch eine Klasse höher angesiedelten Volvo V70 1.6 D DRIVe mit einem Verbrauch von 4,5 Litern und einem CO2-Ausstoß von nur 119 g/km. Dies zeige, dass auch nach dem Modell der Umweltverbände große Wagen durchaus ein positives Label erhalten könnten – aber eben nur, wenn sie verbrauchsarm seien.

Dietmar Oeliger, NABU-Verkehrsexperte: „Dem Kunden und dem Klima wird ein Bärendienst erwiesen, wenn ein Großteil der Fahrzeuge innerhalb weniger Jahre ein grünes Label bekommen und nur schwer unterscheidbar sind. Deshalb muss von Beginn an eine Dynamisierung des Systems vorgesehen sein. In Abständen von drei Jahren sollten die farbigen Klassen um eine Stufe verschärft werden. Ein Auto der Klasse “A” rutscht dann automatisch in “B”, wenn es keine Verbrauchsverbesserung erreicht.“ Die eigentlich sinnvolle Einführung farbiger Klassen würde ad absurdum geführt, wenn diese durch zusätzliche Klassen von A+ bis A+++ ergänzt würden. Hier müsse die Bundesregierung aus den Erkenntnissen des Verbrauchslabels bei Kühlschränken lernen. Verbraucher seien angesichts der Vielfalt der A-Klassen zunehmend verwirrt, was denn nun wirklich effizient sei. Auch die Einteilung von Elektroautos sei noch unzureichend geregelt. Diese automatisch in die beste Klasse einzuordnen, ohne vorher die Stromherkunft definiert zu haben, lehne der NABU ab. „Elektroautos sind nicht per se „Nullemissionsautos“ und dürfen deshalb auch nicht automatisch als solche gekennzeichnet werden. Die energetische Vorkette muss mit einbezogen werden. Ansonsten streut man dem Kunden Sand in die Augen“, sagte Oeliger.

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Ein Kommentar über “Umweltverbände legten eigenes Modell vor: Pkw-Verbrauchslabel für den Klimaschutz”

  1. Wagen im Dienste der Autoindustrie | CleanEnergy-Project schrieb:

    Dieser klima-media Artikel wurde im CleanEnergy-Project verwendet.

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