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Kalt erwischt: Spielball IFM-Geomar wird von Schavan vor vollendete Tatsachen gestellt

Mittwoch 14. Juli 2010 von birdfish



Die größte deutsche Einrichtung auf dem Gebiet der Meeresforschung soll in die Helmholtz-Gemeinschaft wechseln.

Forschungsschiff Alkor
FS Alkor – Forschungsschiff aus der Flotte des IFM Geomar – Foto: I. Oelrichs, IFM-GEOMAR

Wie die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Professor Annette Schavan, überraschend auf einer Pressekonferenz mitteilte, soll das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) in Kiel in die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren aufgenommen werden.

Damit wird die Erdsystemforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft mit den drei Zentren Deutsches Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam, Alfred-Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven und IFM-GEOMAR in Kiel zusammengeführt.

In einer ersten Reaktion sprach IFM-GEOMAR Direktor Professor Peter Herzig von einer für ihn zu diesem Zeitpunkt überraschenden politischen Weichenstellung. „Leider sind wir über Zeitpunkt und Inhalt der Pressekonferenz nicht vorab informiert worden“, so Professor Herzig. Jetzt gelte es aber, die Rahmenbedingungen einer möglichen Aufnahme in die Helmholtz-Gemeinschaft zu diskutieren. „Oberstes Gebot muss für uns dabei sein, die Exzellenz in der Meeresforschung, die wir über Jahre gemeinsam mit der Universität Kiel aufgebaut haben, nicht zu gefährden, erläuterte Herzig. „Dabei gibt es für uns zwei unabdingbare Vorraussetzungen“, so Herzig weiter. Zum einen sei es unverzichtbar, dass dem IFM-GEOMAR die volle Antragsberechtigung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten bleibe. Dies ist bei Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft nicht im vollen Umfang gewährleistet. Das IFM-GEOMAR belegt seit mehreren Jahren bei der Einwerbung von DFG-Drittmitteln den Spitzenplatz unter allen außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Im Jahr 2009 kamen 35% (9.3 Mio. Euro) der Gesamtdrittmitteleinnahmen des Institutes (26.6 Mio. Euro) von der DFG. Dazu zählen neben den Leuchtturmprojekten, dem Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ und zwei Sonderforschungsbereichen, die gemeinsam mit der Universität Kiel durchgeführt werden, auch signifikante Einnahmen über das sogenannte „Normalverfahren“ der DFG.

„Sollten wir diese Möglichkeit verlieren, so wäre die Leistungsfähigkeit unserer Forschung extrem gefährdet. Dies hätte nicht nur für uns, sondern auch für die Meeresforschung in Schleswig-Holstein und in Deutschland negative Konsequenzen“, so Professor Herzig.

Darüber hinaus müsse der Status des IFM-GEOMAR als Institut „an der Universität Kiel“ mit den sich daraus ergebenen Konsequenzen wie dem dienstrechtlichen Verhältnis der Professorinnen und Professoren (Professoren der Universität Kiel, abgeordnet an das IFM-GEOMAR) erhalten bleiben.
„Mit diesen beiden zentralen Punkten werden wir in Gespräche mit den Zuwendungsgebern gehen, um grundsätzliche Nachteile für das Institut zu vermeiden“, so Herzig.

Ebenfalls ‘not amused’ zeigt sich verständlicherweise der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer, über die Nacht- und-Nebel-Aktion.

“Die Leibniz-Gemeinschaft bedauert es außerordentlich, dass eines ihrer Kronjuwelen, das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel (IFM-GEOMAR) in Überlegungen der Bundesregierung einbezogen wurde, das Land Schleswig-Holstein kurzfristig finanziell zu entlasten.”, erklärte er.  “Das IFM-GEOMAR ist zentraler Bestandteil eines Leibniz-Verbundes zur „blauen“, also nicht-arktischen bzw. antarktischen Meeresforschung, zu dem drei weitere Leibniz-Institute in Norddeutschland gehören, das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Rostock-Warnemünde, das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremerhaven sowie die Abteilung Meeresforschung des Forschungsinstituts Senckenberg in Wilhelmshaven. Das IFM-GEOMAR ist zudem in ein für die Leibniz-Gemeinschaft typisches lokales und regionales Netzwerk der Hochschulforschung auf diesem Gebiet eingebunden. Mit der Leibniz-Gemeinschaft hat es zu diesen Plänen keine Abstimmung gegeben.

Die Leibniz-Gemeinschaft repräsentiert 86 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die sich durch eine Verknüpfung von Grundlagenforschung, Anwendung und wissenschaftlichen Infrastrukturen auszeichnen. Das Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften ist ein ganz herausragendes Beispiel für dieses Leibniz-spezifische Forschungsmodell und ist daher für die Leibniz-Gemeinschaft unverzichtbar. Wir erwarten, dass in die weiteren Überlegungen Alternativen zur Herauslösung des IFM-GEOMAR aus der Leibniz-Gemeinschaft ausgelotet und gefunden werden. Die Verschiebung von Finanzströmen von einem öffentlichen Haushalt in den anderen kann keine überzeugende Lösung von Haushaltsproblemen sein.

Wir bedauern, dass die exzellente Forschung am IFM-GEOMAR zum Objekt finanzpolitisch motivierter Verschiebungen zwischen Forschungsorganisationen geworden ist, bevor eine grundlegende strukturelle Debatte über eine Weiterentwicklung der außeruniversitären Forschung in Deutschland stattgefunden hat. Wir stimmen mit dem schleswig-holsteinischen Wissenschaftsminister de Jager und Bundesforschungsministerin Schavan überein, dass eine solche Strukturdebatte in naher Zukunft unerlässlich ist, damit sich auch strukturschwache Länder weiterhin Exzellenzforschung, wie sie am IFM-GEOMAR betrieben wird, leisten können. Primat wissenschaftspolitischer Entscheidungen muss das Wohl der Forschung sein, nicht ihr Finanzierungsschlüssel. Daher sollten Bund und Länder prüfen, ob nicht ein einheitlicher Finanzierungsschlüssel der gesamten außeruniversitären Forschung von 70 (Bund) zu 30 (Länder) ein probates Mittel ist, um die außeruniversitäre Forschung von finanzpolitischen Erwägungen unabhängig zu machen.

Die Leibniz-Gemeinschaft hat es seit jeher als die Grundprämisse ihrer Arbeit verstanden, jedem Institut die bestmögliche Organisationsform für seine Forschung zukommen zu lassen und von daher unter anderem auch den Wechsel des Forschungszentrums Dresden-Rossendorf in die Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt. Wir erkennen die finanziellen Zwänge des Landes Schleswig-Holstein an und werden daher den angekündigten Prüfungsprozess hinsichtlich des IFM-GEOMAR konstruktiv begleiten. Wir gehen davon aus, dass dieser Prozess sich an den Bedürfnissen der Wissenschaft orientiert und ergebnisoffen verläuft.”

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