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Sozial- und kulturwissenschaftliche Aspekte bei Anpassungsstrategien berücksichtigen

Dienstag 14. September 2010 von birdfish



Die Wissenschaft ist sich weitgehend darüber einig, dass der Klimawandel die Lebensbedingungen auf der Erde erheblich verändern wird.

Leben mit dem Klimawandel
Leben mit dem Klimawandel – Foto: I. Friedrich / Pixelio

Wie können, wie sollen sich die Menschen auf die absehbaren Konsequenzen einstellen? Mit dieser Frage befassen sich weltweit immer mehr Forschungsprojekte. Auf der Basis empirischer Daten wollen sie globale oder regionale Strategien der Anpassung an den Klimawandel erarbeiten. Dabei ändern sich bisherige Sichtweisen auf soziale und wirtschaftliche Prozesse – mit erheblichen, oftmals unbeachteten Folgen für Entwicklungskonzepte in Wissenschaft und Politik.

Auf diese Zusammenhänge macht Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn aufmerksam, der an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Bevölkerungs- und Sozialgeographie innehat. In Afrika ist er seit vielen Jahren an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen beobachtet er mit wachsender Sorge, wie internationale Debatten über den Klimawandel sich auf den Umgang mit Entwicklungsfragen auswirken. Gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Terry Cannon vom Institute for Development Studies (IDS) in Brighton hat er in der Zeitschrift “Natural Hazards” eine kritische Analyse vorgelegt.

Sozioökonomische Entwicklungen und politische Verantwortung:
Ein Plädoyer gegen naturalistische Vorstellungen

Die beiden Autoren betonen, wie dringlich es ist, dass über Anpassungsstrategien an den Klimawandel weltweit nachgedacht wird. Zugleich aber warnen sie davor, menschliche Gesellschaften wie natürliche Ökosysteme zu betrachten, die auf klimatische Veränderungen immer nur nachträglich reagieren können. Wissenschaft und Politik sollten nicht allein darauf hinarbeiten, die Widerstandsfähigkeit (“resilience”) ganzer Gesellschaften durch klimapolitische Abwehrmaßnahmen zu stärken, sondern dabei immer auch die Verwundbarkeit (“vulnerability”) von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen im Blick behalten und deren Interessen schützen.

Wie Cannon und Müller-Mahn kritisch anmerken, verleitet der Vergleich mit natürlichen Ökosystemen dazu, einen wesentlichen Aspekt zu vernachlässigen: Soziale und wirtschaftliche Gegebenheiten und etablierte Machtstrukturen haben einen entscheidenden Anteil daran, wie verwundbar die Menschen sind. Sozioökonomische Verhältnisse in den ärmsten Regionen der Erde so zu gestalten, dass die Menschen in ihrem lokalen Umfeld möglichst autonom und sicher leben können – dies muss nach Auffassung der beiden Wissenschaftler ein elementares Ziel von Entwicklung bleiben. Das gelte erst recht angesichts der dramatischen Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt. “Naturalistische Sichtweisen verleiten dazu, ethisch-politische Leitbegriffe wie Gerechtigkeit und Gleichheit zu vernachlässigen. Auch die individuelle Verantwortung der Akteure in Wirtschaft und Politik wird dabei zu leicht ausgeblendet,” erklärt Müller-Mahn und fügt hinzu: “Die blumige Redeweise von der Gerechtigkeit gegenüber künftigen Generationen ist dafür kein Ersatz.”

Risiken und Katastrophen:
Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven

Wer an die Herausforderungen des Klimawandels so herangehen will, dass die ethische und politische Dimension von Entwicklungsfragen im Blickfeld bleibt, darf – so die beiden Autoren – einen grundlegenden Sachverhalt nicht übersehen: Wetterereignisse und Klimaentwicklungen sind keinesfalls aus sich selbst heraus, sozusagen ihrer inneren Natur nach, Risiken oder Katastrophen. Diesen Charakter gewinnen sie erst im Zusammenwirken mit der Lebenswelt von Menschen. Es hängt wesentlich auch von deren Bedürfnissen, Interessen, Gewohnheiten und Zukunftsentwürfen ab, in welcher Weise die Natur als gefährlich oder katastrophal erlebt wird. “Nur wer diesen Zusammenhang anerkennt, ist angesichts des Klimawandels zu einem angemessenen Umgang mit Entwicklungsfragen in der Lage,” so Müller-Mahn.

“An dieser Stelle sind nicht die Naturwissenschaften, sondern die Sozial- und Kulturwissenschaften gefordert. Die Forschung muss sich viel stärker als bisher dafür interessieren, wie Menschen in ihren jeweiligen Regionen mit Wetterereignissen und Klimaentwicklungen umgehen. Deren Interessen, Erfahrungen und lokales Wissen sind wertvolle Beiträge für Entwicklungskonzepte, die ihnen dabei helfen wollen, die eigenen Lebensverhältnisse gegenüber dem Klimawandel abzusichern,” erläutert der Bayreuther Experte für Sozialgeographie seinen Forschungsansatz. Auch über die Begriffswelten, in denen öffentlich über Wetter und Klima geredet wird, sollte seiner Überzeugung nach intensiver nachgedacht werden. Denn dadurch könnten Interessens- und Machtstrukturen deutlicher zutage treten, die einer Entwicklung zugunsten armer Regionen und Bevölkerungsgruppen möglicherweise im Weg stehen.

Online-Veröffentlichung:

Terry Cannon, Detlef Müller-Mahn:
Vulnerability, resilience and development discourses in context of climate change,
in: Natural Hazards, “Online First”.
DOI-Bookmark: 10.1007/s11069-010-9499-4

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