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Pilot klagt gegen Laufzeitverlängerungen – bei Flug-Abstürzen ist kein AKW sicher

Freitag 4. Februar 2011 von birdfish



Jörn Burger hat gemeinsam mit Greenpeace Verfassungsbeschwerde gegen die AKW-Laufzeitverlängerungen eingereicht.

AKW Biblis: die Risiken sind nicht mehr tragbar
AKW Biblis: die Risiken sind nicht mehr tragbar – Foto: Greenpeace

Während seines aktiven Berufslebens war er Pilot bei der Lufthansa. Sofort nach Beginn des Ruhestands 2006 trat er der Greenpeace-Gruppe Frankfurt bei, um sich ehrenamtlich zu engagieren. Wie schätzt ein ehemaliger Pilot die Gefahren durch einen terroristischen Angriff per Flugzeug ein? Die Greenpeace-Redaktion hat ein Interview mit ihm geführt:

Greenpeace-Redaktion: Was hat dich zu der Verfassungsklage bewogen?

Jörn Burger: Seit Jahrzehnten produzieren deutsche AKW hochradioaktiven Müll. Über 11.000 Tonnen haben sich bereits angesammelt. Und bis heute ist nicht absehbar, ob wir dafür eine sichere Lagestätte finden. Der Atomkonsens war ein Kompromiss, der einen absehbaren Endpunkt setzte und mit dem ich halbwegs leben konnte. Jetzt soll der strahlende Müllberg noch lange weiter wachsen. Das ist rücksichtslos und unverantwortlich.

Darüber hinaus lebe ich in der Nähe von zwei der ältesten Reaktoren, Biblis A und Biblis B. Bei einem GAU in Biblis würde mein Wohnort einer extrem hohen Kontamination ausgesetzt. Die Gegend wäre zügig zu verlassen und bliebe auf lange Zeit unbewohnbar. Überleben würde ich wohl, gesundheitlich mehr oder weniger angegriffen und meines Lebensinhaltes beraubt. Und auszuschließen ist ein derartiger Unfall nicht, von der Terrorgefahr ganz zu schweigen.

Bei beiden Reaktoren in Biblis verzeichnen wir seit Inbetriebnahme pro Jahr im Jahresdurchschnitt rund 12 meldepflichtige Ereignisse, insgesamt über 400 pro Reaktor. Die sind offiziell immer harmlos. Die Beinahe-Katastrophe 1979 in Harrisburg, einem baugleichen Reaktor, fing auch ganz harmlos an. Hätte man auf den ersten Fehler, einen Pumpenausfall im sekundären Kühlkreislauf, richtig reagiert, wäre es auch nur ein meldepflichtiges Ereignis gewesen. So war die Kernschmelze schon im Gang und konnte gerade noch rechtzeitig gestoppt werden. Wie lange geht das bei uns noch gut?

Greenpeace-Redaktion: In deinem aktiven Berufsleben warst du Pilot bei der Lufthansa. Wie realistisch sind aus deiner Sicht in Deutschland Szenarien, die einen Terrorangriff auf ein AKW mit einem Verkehrsflugzeug schildern?

Jörn Burger: Nach dem 11. September 2001 mussten wir umdenken. Man hätte eigentlich sofort reagieren und weltweit auf ein zügiges Abstellen aller Atomkraftwerke hinsteuern müssen. Dass Terroristen auf eine derartig diabolische Idee kommen, halte ich für sehr realistisch. Leider halte ich einen solchen Anschlag auch für durchführbar. Und Deutschland gehört meiner Meinung nach zu den denkbaren Zielen.

Jörn Burger: In meinem beruflichen Umfeld habe ich mich nicht bedrohter gefühlt als vorher. Allgemein war ich aber von dieser Eskalation, von diesem Wahnsinn natürlich sehr betroffen. Und mir wurde bewusster als vorher, dass es mich immer und überall treffen könnte.

Nach 9/11 wurde der Zugang zum Cockpit erschwert, die Cockpittüren verstärkt, das Cockpit nahezu hermetisch abgeriegelt. Die früher während des Fluges üblichen Passagierbesuche im Cockpit wurden völlig eingestellt. Für den Zutritt der Kabinenbesatzung wurde ein besonderes Verfahren eingeführt, das ich natürlich nicht offenbaren kann. Eine unserer Anweisungen war zudem, die Cockpittür auch dann nicht zu öffnen, wenn Terroristen bei entsprechender Weigerung drohten, Passagiere oder Besatzungsmitglieder umzubringen. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie schwer es mir fallen würde, diese Anweisung zu befolgen.

Greenpeace-Redaktion: Wie weit müssen Verkehrsflugzeuge AKW-Standorte umfliegen bzw. wie nahe führen normale Flugrouten an das AKW Biblis heran?

Jörn Burger: Es gibt meines Wissens keine besonderen Regeln. Die hielte ich auch nicht für praktikabel. Im An- und Abflug auf den Flughafen Frankfurt nähern sich die Flugzeuge dem AKW Biblis auf den normalen Routen auf etwa 35 Kilometer an. Dieser horizontale Abstand ist aber nicht allein ausschlaggebend für einen denkbaren Anschlag. Man muss in relativ geringer Höhe sein, um nicht zu früh aufzufallen, wenn man vom dreidimensionalen Flugweg abweicht. Deswegen ist das Abweichen, der Anschlag nur aus dem Anflug heraus denkbar.

Greenpeace-Redaktion: Wie schnell würde ein solches Abweichen von der eigentlichen Flugroute bemerkt?

Jörn Burger: Die Flugsicherung würde eine Abweichung sofort, innerhalb von wenigen Sekunden merken, was aber kaum helfen würde. Vom Moment des Abweichens bis zum Aufschlag auf der Reaktorkuppel hätte ich nicht mehr als fünf Minuten gebraucht. Wer soll das noch wie in dieser Zeit verhindern?

Halbwegs moderne Flugzeuge verfügen übrigens über ein autonomes bordeigenes Navigationssystem, das erlaubt ein Ziel zu treffen, ohne es zu sehen. An die notwendigen Daten sollte man relativ leicht herankommen. Die dafür notwendige Programmierung des Systems ist allerdings außerordentlich kompliziert. Ich bin seit mehr als vier Jahren aus dem Geschäft und würde es wohl nicht mehr hinbekommen. Aber möglich ist es. Und wer weiß, über welche Möglichkeiten und Kontakte der internationale Terrorismus verfügt.

Greenpeace-Redaktion: Ist theoretisch auch ein Absturz auf ein AKW ohne terroristischen Hintergrund denkbar?

Jörn Burger: Für ein Verkehrsflugzeug möchte ich das ausschließen. Darin sitzen Profis ohne Schleudersitz, die alles tun, um einen Aufschlag auf ein sensibles Ziel zu verhindern. Das könnte nur misslingen, wenn das Kraftwerk in unmittelbarer Nähe des Flughafens stehen würde, das Flugzeug sich bei einem fatalen Systemausfall also in geringer Höhe befände. Keines unserer Atomkraftwerke steht so nahe an einem Verkehrsflughafen.

Auf die Profis und den Schleudersitz komme ich wegen der Bauweise der Reaktorkuppeln in Biblis. Die Kuppel von Biblis A wurde so konzipiert, dass sie dem Absturz eines Sportflugzeuges standhält. In Sportflugzeugen sitzen zu häufig keine Profis. Daran hatte man damals bei der Planung wohl gedacht.

Dann kam aber die Zeit, in der regelmäßig Starfighter vom Himmel fielen. Die Kollegen vom Militär stiegen gewöhnlich mit dem Schleudersitz aus. In diesem Fall weiß man nicht, wo das Fluggerät aufschlägt. Deswegen verstärkte man in der nächsten Baulinie die Reaktorkuppeln auf die sogenannte Starfighterklasse. Biblis B hat eine solche Kuppel.

Danach kam übrigens die Phantomklasse als letztes Modell. Die Phantom war ein neueres, schwereres Militärflugzeug als der Starfighter. Die Phantomklasse soll auch dem gezielten Absturz eines Airbus A320 standhalten. Der A320 ist ein kleines Verkehrsflugzeug. Die beiden Flugzeuge, die ins World Trade Center gesteuert wurden, waren zwei Boeing B757, größer und schwerer als ein A320.

In jedem Fall hält keiner unserer 17 Reaktoren dem Absturz eines durchaus gängigen Verkehrsflugzeuges stand. Biblis A und Biblis B gehören dabei zu den schwächsten und damit eher lohnenden Zielen.

Greenpeace-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!

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