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Die Küstenstädte gehen mit drohenden Klimafolgen völlig unterschiedlich um

Donnerstag 4. Oktober 2012 von birdfish



Die Städte Rostock und Lübeck trennen nur ungefähr 100 Kilometer, ihre naturräumliche Lage an der Ostseeküste ist nahezu identisch.

Sturmflut in Bremerhaven
Sturmflut in Bremerhaven – mögliche Folge des Klimawandels – Foto: Garitzko / Wikimedia Commons

Vergleichbar müssten daher auch die Einschätzung der Gefahren durch den Klimawandel und die daraus abgeleiteten Maßnahmen sein. Weit gefehlt, berichten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in einem Artikel in der „Zeitschrift für Zukunftsforschung“: Soziale und kulturelle Unterschiede lassen stark differierende Wahrnehmungen des Klimawandels entstehen.

Die Untersuchung ist Teil eines Forschungsprojekts im Rahmen des Potsdamer Forschungs- und Technologieverbundes für Naturgefahren, Klimawandel und Nachhaltigkeit (PROGRESS). Die Sozialwissenschaftler um PD Dr. Gabriela Christmann wollten dabei herausfinden, wie das globale, abstrakte Phänomen des Klimawandels lokal wahrgenommen und interpretiert wird. Dahinter steht die Vorstellung, dass eine bestehende Gefährdungssituation nicht automatisch als eine Bedrohung, angesehen werden muss. „Bedrohungen werden erst dann zu eine gesellschaftlichen Realität, wenn sie von den Menschen als solche erkannt werden“, erklärt Christmann. „Dabei kann es sogar passieren, dass eine scheinbare Gefahr als harmlos wahrgenommen wird, weil man sich ihrer bewusst geworden ist und man sich als gut vorbereitet fühlt.“ Die Wissenschaftler sprechen daher nicht von objektiv gegebenen Vulnerabilitäten (Verwundbarkeiten oder Verletzlichkeiten), sondern von gesellschaftlich konstruierten Vorstellungen einer Vulnerabilität.

Um Vulnerabilitätsvorstellungen in Bezug auf Folgen des Klimawandels im südlichen Nord- und Ostseeraum zu bestimmen, haben sie mehr als 1.000 Experten aus Politik, Planung, Wirtschaft und Wissenschaft zu künftigen Klimarisiken befragt. Zugleich haben sie in Lübeck und Rostock knapp 3.000 Presseartikel zwischen 2003 und 2010 ausgewertet, um herauszufinden, wie die Vulnerabilitäten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. „Obwohl beide Städte quasi dieselben natürlichen Risiken hinsichtlich Hochwasser- oder Dürreereignisse aufweisen, sind die Vulnerabilitätswahrnehmungen sehr unterschiedlich“, berichtet Christmann. Es lassen sich verschiedene stadtkulturelle Verarbeitungsformen des Klimawandels feststellen. In Lübeck werden die Gefahren des Klimawandels zwar gesehen und vor allem für die Altstadt thematisiert, aber als bewältigbar dargestellt. „Man verweist auf die Erfahrungen, die man schon in der Geschichte mit Sturmfluten und Hochwasser gemacht hat und denen man in hanseatischer Manier erfolgreich trotzen konnte“. In Rostock spielen Klimathemen nur eine geringe Rolle. Sofern sie thematisiert werden, werden sie nicht mit historischen Wissensmustern und Traditionen der Hansestadt verbunden. Im lokalen Diskurs stehen ganz andere Bedrohungen wie Arbeitslosigkeit oder Abwanderung im Vordergrund. „Der Klimawandel hingegen wird als eine Chance gesehen, diesen Trends begegnen zu können“, so Christmann. Mit der globalen Erwärmung werden Hoffnungen verbunden, den Tourismus, den Ausbau erneuerbarer Energien und damit die Wirtschaft vorantreiben zu können.

Wie stark die kulturellen Traditionen und lokalen Wissensmuster die Einschätzung von Gefahren beeinflussen, zeigt auch ein weiteres Ergebnis der Studie. Im internationalen Vergleich sehen in niederländischen Städten nur ein Drittel der Befragten den Anstieg des Meeresspiegels als großes Problem an. In Polen sind es hingegen fast 57 Prozent. Dies steht der naturräumlichen Bedrohungslage diametral entgegen und belegt, dass Vulnerabilitätswahrnehmungen nur zu einem geringen Teil durch faktisches oder potenzielles Ausgesetzt sein einer Gefahr zu erklären sind. „Da der Hochwasserschutz und die Landgewinnung in den Niederlanden seit Jahrhunderten praktiziert wird, werden steigende Meeresspiegel – zurecht – als machbare Herausforderung angesehen“, erklärt Christmann. „In Polen existiert dieses tradierte Wissen nicht und die Bedrohung erscheint viel dramatischer.“ Eine hohe Sensibilität für die Bedrohung wie in den Niederlanden ist oft gleichbedeutend mit einem hohen Vertrauen in die Bewältigung.

„Diese Erkenntnisse zeigen, dass bei der Erarbeitung von Gesamtstrategien zum Umgang mit Klimarisiken die lokalen Vulnerabilitäts-Wahrnehmungen viel stärker einbezogen werden müssen“, schließt Christmann. „Ignoriert man diese historischen, kulturellen und sozialen Differenzen, läuft man Gefahr, zu unterschiedlichen Problemdefinitionen und damit auch zu widersprüchlichen Handlungsempfehlungen zu kommen.“

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Ein Kommentar über “Die Küstenstädte gehen mit drohenden Klimafolgen völlig unterschiedlich um”

  1. birdfish schrieb:

    Deutsch-Polnisches Seminar zum Küstenschutz

    Polnische und deutsche Wissenschaftler trafen sich Mitte Oktober 2012 in Sopot um über Maßnahmen im Rahmen der Klimawandelfolgen zu beraten.

    Dabei zeichnete sich klar ab, dass die südliche Ostsee mit ihren Lockergesteinsküsten und dem hier durch Senkungsprozesse der Erdkruste bei klimatisch bedingtem steigenden Meeresspiegel gegenüber den Hebungsküsten der nördlichen Ostsee besondere Strategien für die gesellschaftliche Reaktion auf die natürlichen und anthropogenen Änderungen der Umwelt verlangt. Ein Beispiel für neue Perspektiven ist die vermehrte Erosion von Küstenabschnitten als Folge des schwächer werdenden Schutzes der Küsten durch winterliches Meereis. Dieses spezifische Problemspektrum verlangt nach einer wissenschaftlichen Beratung von Raumplanung, Küsten- und Naturschutz und genau diese Fragen wurden breit diskutiert; es erwies sich, dass das Handwerkzeug dafür vorhanden ist, aber noch besser auch transnational zusammengeführt werden muss.

    Die Wissenschaftler wollen sich ihrer Verantwortung in diesem Zusammenhang stellen und gemeinsam einen Katalog der Anforderungen an Strategien für den Schutz der Küsten und ihrer Ökosysteme an der südlichen Ostsee erarbeiten. Dieser Katalog soll dann die Grundlage für zukünftige Forschungsprogramme der Anrainer der südlichen Ostsee im Rahmen multinationaler Kooperation bilden.

    Quelle: Uni Greifswald

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