Ein sich selbst verstärkender Effekt erhält derzeit Monsunwinde aufrecht, könnte die Luftzirkulation über Land und Meer jedoch auch unterbrechen.
Monsunwolken, hier über Bangladesch, versorgen große Weltregionen regelmäßig mit Niederschlägen. (c) Image Science & Analysis Laboratory, NASA Johnson Space Center
Die regelmäßigen Niederschläge des Monsuns könnten dann von einem aufs andere Jahr oder über Monate innerhalb einer Saison ausbleiben. Starke Luftverschmutzung könnte solch einen Abbruch herbeiführen, berichten Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in der Online-Ausgabe des Magazins „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Die globale Erwärmung erhöhe das Risiko abrupter Übergänge des Monsuns zwischen niederschlagsreichen und trockenen Phasen.
„Von der namengebenden Regelmäßigkeit der Monsunniederschläge hängt die landwirtschaftliche Nahrungsmittelversorgung von rund zwei Milliarden Menschen in Asien und Afrika ab“, sagt der leitende Autor Anders Levermann. Der Name „Monsun“ wurde vom arabischen Wort „Mausim“ für Jahreszeit abgeleitet. Bisweilen werden jedoch extrem regenarme Monate innerhalb der Monsunsaisons beobachtet, etwa in Indien im Jahr 2002, was zu wirtschaftlichen und humanitären Problemen in den betroffenen Regionen führt. Während der letzten 11.000 Jahre schwankte die Regenintensität in Monsungebieten auch über längere Perioden extrem.
Das Team um Levermann ging nun der Frage nach, wie solche Schwankungen oder Abbrüche der Monsunzirkulationen zustande kommen können. „Unsere Analyse zeigt auf Basis von Beobachtungen, dass Monsunsysteme zwei stabile Zustände haben könnten“, sagt Levermann. Zwischen beiden Zuständen seien abrupte Übergänge möglich.
Die treibende Kraft der Monsunzirkulationen sind unterschiedliche Lufttemperaturen. Im Frühling wird die Luft über Land stärker erwärmt als über dem Meer. Die warme Luft steigt auf und zieht feuchte und kühlere Luft vom Meer nach. Die über Land einsetzenden Niederschläge haben zwei Effekte: Zum einen kühlen sie die Landoberfläche, zum anderen wird aber latente Wärme freigesetzt, wenn Wasserdampf zu Regentropfen kondensiert. Je mehr feuchte Luft zum Land transportiert wird und dort abregnet, umso mehr Wärme wird freigesetzt und umso mehr feuchte Luft vom Meer nachgesogen. Diese Selbstverstärkung, die so genannte Feuchte-Advektions-Rückkopplung, erhält die Temperaturdifferenz und die Zirkulation aufrecht. Der Mechanismus ist allerdings anfällig und könnte schon bei kleinen Störungen abrupte Veränderungen verursachen, berichten die Autoren.
Sie haben nun ein konzeptionelles Monsunmodell entwickelt, das die Rückkopplung abbildet. Die zugrunde liegenden Gleichungen zeigen, dass die Sonneneinstrahlung einen Schwellenwert übersteigen muss, um eine Monsunzirkulation in Gang zu setzen. Wird dieser Schwellenwert nicht erreicht, etwa aufgrund starker Luftverschmutzung, setzt keine Zirkulation ein. Oberhalb des kritischen Wertes sind zwei stabile Zustände möglich: einer mit und einer ohne Zirkulation. Skizze des Modellkonzepts und des Rückkopplungsmechanismus [W = Wind, P = Niederschlag, R = Sonneneinstrahlung]. (c) PIK
Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten für abrupte Übergänge zwischen den stabilen Zuständen: Klimatische Veränderungen könnten das Zirkulationssystem über den Schwellenwert führen. Der Übergang würde von einer auf die andere Monsunsaison stattfinden und der neue Zustand so lange anhalten wie die Klimaänderung. Die zweite Möglichkeit für einen abrupten Übergang besteht zwischen den beiden stabilen Zuständen oberhalb des Schwellenwertes – in dem Bereich, in dem sich die Monsunsysteme heute befinden. Innerhalb einer Saison könnte eine Abschwächung der Monsunwinde und der Freisetzung latenter Wärme über Land dazu führen, dass die Temperaturdifferenz zwischen Land und Meer zu gering wird und die Zirkulation abbricht.
Die Forscher grenzten mithilfe des Modells und anhand von Beobachtungsdaten aus den letzten 60 Jahren Schwellenwerte von Monsunsystemen in Indien, China, Bangladesch, Westafrika, Nordamerika und Australien ein. „Künftig wollen wir genauere Aussagen über die Anfälligkeit der Monsunsysteme treffen können“, sagt Jacob Schewe, ein Mitautor der Studie. Die vorläufigen Abschätzungen seien noch mit großen Unsicherheiten belegt. Während fortschreitende globale Erwärmung die Niederschlagsmenge erhöhen würde, könnte zunehmende Luftverschmutzung, etwa in Indien und China, die Stabilität der dortigen Monsunsysteme einschränken. „Der Wechsel zwischen regenreichen und extrem regenarmen Monaten könnte die Anpassungsfähigkeit der Menschen in den betroffenen Regionen überfordern“, sagt Schewe. Die Forscher möchten daher in weiteren Studien untersuchen, wie groß das Risiko abrupter Übergänge in den verschiedenen Monsunregionen ist.
Der Artikel „Grundlegender Mechanismus für abrupte Monsun-Übergänge“ wird in Druck in einer Sonderausgabe des Magazins „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erscheinen. Die Sonderausgabe wird redaktionell von PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber betreut und behandelt acht potentielle Kippelemente im Erdsystem.
Printartikel:
Levermann A, Schewe J, Petoukhov V, Held H (2009) Basic mechanism for abrupt monsoon transitions. Proc Natl Acad Sci USA, 10.1073/PNAS.0901414106.
Ganze Wälder kippen; fester Boden wird zu tiefem Sumpf; Asphalt birst, Häuser reißen ein; Öl- und Gaspipelines brechen.
Der Boden unter den Eisenbahnschienen bei Chara ist weggesackt. – (c) Will Rose / Greenpeace
Folgen des Klimawandels in Sibirien. Der Permafrost, der ewig gefrorene Boden, taut und wird instabil. Das Tauwetter im hohen Norden geht auch uns an: Es hat massive Folgen für das globale Klima.
Derzeit ist eine Greenpeace-Expedition auf dem Weg nach Sibirien, um die Situation vor Ort zu untersuchen und zu dokumentieren. Es ist bereits die dritte. Im Sommer 2009 bereisten zwei Greenpeace-Teams die Halbinsel Jamal in der Karasee. Was sie dort vorfanden, war alarmierend: Das schmelzende Eis hinterlässt Hohlräume, der Boden bricht ein. Gebietsweise füllen sich die Krater, in anderen Gegenden dagegen verschwinden ganze Seen oder sackt das Grundwasser weg. Ganze Landschaften kollabieren.
Was in Sibiriens Tundra geschieht, ist verhängnisvoll für die Menschen, die dort leben. Auf Jamal betrifft es vor allem das Volk der Nenzen. Sie sind Nomaden und wandern täglich kilometerweit mit ihren Rentierherden. Im Laufe des Jahres durchwandern sie die Halbinsel. Schon seit längerem ist diese traditionelle Lebensweise durch die Erdgasförderung auf Jamal bedroht. Jetzt kommt durch das Tauen der Böden eine weitere massive Bedrohung hinzu.
Doch das Tauen der Böden hat Folgen weit über die Permafrostregionen hinaus. Der Permafrost gilt als ein zentrales Kipp-Element für das Klima. Das heißt, kippt das Klima hier, so hat dies Auswirkungen auf das gesamte Weltklima. Die ungeheuren Mengen an Treibhausgasen, die hier lauern, können den Klimawandel ungeheuer beschleunigen.
Permafrostböden sind Kohlenstoffsenken. Schätzungen zufolge könnten dort 1.600 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert sein. Taut der Boden, so wird das organische Material der oberen Bodenschicht von Mikroorganismen zersetzt. Steht dabei Sauerstoff zur Verfügung, entsteht Kohlendioxid (CO2). Herrscht Sauerstoffmangel, weil Wasser auf der Oberfläche steht, entsteht durch Fäulnisprozesse Methan (CH4). Methan ist 25-mal gefährlicher für das Klima als Kohlendioxid.
Methanhydratbrocken – (c) Wikipedia
Neben dem schon jetzt vermehrt freigesetzten Methan lauert eine weitere Gefahr: Methanhydrate – große Kristalle mit eingelagerten Methanmolekülen. Sie lagern in großen Mengen eingeschlossen im vereisten Boden, aber auch in Meeressedimenten. Methanhydrate bilden sich bei hohem Druck und niedrigen Temperaturen. Sie sind brennbar und zersetzen sich an der Luft.
Fast ein Viertel der globalen Landfläche sind Permafrostböden. Der größte Teil liegt in der nördlichen Hemisphäre: rund 23 Millionen Quadratkilometer. 60 Prozent Russlands und große Teile Kanadas, Alaskas und Westchinas sind durchgehend gefroren – oder waren es bisher. Der Frost kann von wenigen Metern bis zu hunderten tief in die Erde reichen. In Ostsibirien sind es 1800 Meter.
Ende November werden dann in Chile überwiegend marine Geologen an Bord gehen, um erstmalig mit Polarstern den gesamten polaren Südpazifik zu durchqueren. Die 43 Wissenschaftler und Techniker um Fahrtleiter Dr. Rainer Gersonde vom Alfred-Wegener-Institut wollen an etwa 40 Positionen geologische Proben nehmen, um aus den Ablagerungen der Tiefsee Daten zur Klimageschichte der vergangenen Million Jahre zu erheben. Die Auswertung erfolgt im Rahmen von nationalen und internationalen Projekten.
Die Forscher wollen feststellen, welche Rolle der polare Südpazifik bei der Entwicklung des globalen Klimageschehens einnimmt. Dieses ausgewiesene Schlechtwettergebiet ist bislang nur wenig untersucht. Als Bildungsgebiet für Tiefen- und Zwischenwassermassen, die Nährstoffe und kaltes Wasser bis in den Bereich der Nordhalbkugel transportieren, nimmt es Einfluss auf das Klima der Erde. Da der polare Südpazifik im Süden an die Eismassen der Westantarktis grenzt, ist er die Schlüsselregion für Untersuchungen der Stabilität des westantarktischen Eisschildes im Verlauf von vergangenen Warm- und Kaltzeiten. Dieser Eisschild gilt unter warmen Klimabedingungen als instabil, sein Abschmelzen könnte den Meeresspiegel um drei bis fünf Meter steigen lassen. Neben den Probennahmen zu klima- und meeresspiegelbezogenen Fragestellungen wird auch das bislang einzig bekannte Einschlaggebiet eines ein Kilometer großen Asteroiden in den Ozean untersucht. Die geowissenschaftlichen Arbeiten schließen seismische Profilfahrten ein, um einen Vorschlag für eine Tiefseebohrlokation im Rahmen des internationalen „Integrated Ocean Drilling Program“(IODP) zu machen. Mit der geplanten Bohrung soll dann die Klima- und antarktische Vereisungsgeschichte der letzten 40 Millionen Jahre dokumentiert werden.
Die Polarstern arbeitet sich durch das Eis – (c) Michael Trapp / AWI
Nach zwei Monaten wird der zweite Fahrtabschnitt in Wellington enden, wo die deutsche Botschaft anlässlich des ersten Einlaufens der Polarstern in Neuseeland zu einem Empfang an Bord lädt. Ende Januar beginnt der dritte Fahrtabschnitt, der auf einer südlicheren Fahrtroute als der vorherige zurück nach Chile führt. Anfang April 2010 wird Polarstern wieder in Punta Arenas einlaufen. Von dort wird das Schiff den Rückweg nach Bremerhaven antreten, wo Polarstern voraussichtlich am 17. Mai 2010 eintreffen wird.
Das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise ist am Wochenende zu einer viermonatigen Expedition in die Arktis aufgebrochen.
Gletscher-Eis auf Grönland – (c) Steve Morgan / Greenpeace
Es sticht von Amsterdam aus in See. Zu der rund 30-köpfigen Besatzung gehören Klima- und Meeresexperten von Greenpeace sowie Wissenschaftler. Zusammen mit Klimaforschern wollen die Umweltschützer die aktuellen Folgen des Klimawandels in der nördlichen Polarregion untersuchen. Dort könnte es dieses Jahr einen neuen Negativrekord der Eischmelze geben. Bedroht ist die Arktis auch durch den Abbau von Öl- und Gasreserven. Anrainerstaaten streiten zur Zeit über ihre territorialen Ansprüche.
“Eine der letzten fast unberührten Regionen dieser Welt ist am stärksten vom Klimawandel betroffen. Die Eisschmelze übertrifft alle bisherigen Klimaszenarien”, sagt Iris Menn, Meeresexpertin bei Greenpeace. “Gerade deswegen ist es nötig, aktuelle Daten in der Arktis zu erheben. Nur so lassen sich die weltweiten Klimamodelle in ihrer Vorhersagekraft verbessern.”
Um den Klimawandel aufzuhalten und die Arktis zu bewahren, muss der Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent bis 2020 vermindert werden. “Alles andere ist völlig unzureichend”, sagt Menn. Die unkontrollierte Ausbeutung der Arktis muss aufgehalten werden. Dafür muss jegliche industrielle Nutzung des arktischen Ozeans, welcher bisher durch Eis geschützt war, verboten werden.
Erstes Ziel der Greenpeace-Expedition ist der Petermann-Gletscher auf der Westseite Grönlands. Vor einem Jahr brach von ihm ein riesiger Eisberg ab. Derzeit sind auf Satellitenaufnahmen zwei weitere Risse zu sehen, die möglicherweise erneut zu einem Abbruch führen. Diesen will Dr. Jason Box von der Ohio State University mit Hilfe von Zeitlupenkameras und GPS-Systemen dokumentieren. Ursache für die Eisschmelze sind auch die durch den Klimawandel steigenden Meerestemperaturen.
In einem zweiten Expeditionsabschnitt wird die Crew der Arctic Sunrise deshalb mit Ozeanographen des Woods Hole Institutes und der Universität Maine zusammenarbeiten. Auf der Ostseite Grönlands wollen sie den Einfluss von tropischen Unterwasserströmungen auf die Gletscherschmelze untersuchen. Der Rückgang des Meereises auf dem Arktischen Ozean ist Schwerpunkt des dritten Abschnitts der Expedition. Gemeinsam mit Forschern aus Cambridge soll das Meereis in der Fram-Straße zwischen Spitzbergen und Grönland gemessen werden.
Zeitgleich mit dem Aufbruch der Arctic Sunrise in die Arktis ist das Greenpeace-Flaggschiff Esperanza im Pazifik unterwegs. Dort sind viele der Pazifischen Inselstaaten akut vom ansteigenden Meeresspiegel bedroht. Die Besatzung will die Folgen der klimatischen Veränderungen für Mensch und Natur dokumentieren.
Neue Prognosen zur Meereisbedeckung: negativer Trend in der Arktis setzt sich fort. Klimaforscher haben Kritisches Minimum auch für Spätsommer 2009 prognostiziert.
Meereisbedeckung: der negative Trend setzt sich fort – (c) Alfred Wegener Institut
Zum zweiten Mal nehmen Klimaforscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung und des KlimaCampus der Universität Hamburgan einem internationalen wissenschaftlichen Wettstreit teil, in dem einige der weltweit renommiertesten Klimaforschungsinstitute mit unterschiedlichen Methoden und Klimamodellen die Möglichkeiten für saisonale Vorhersagen der arktischen Meereisbedeckung ausloten. Dabei ist es das erklärte Ziel aller Teilnehmer, die beste Methode für zuverlässige Voraussagen zu finden. Die deutschen Wissenschaftler sind sich einig: Der negative Trend setzt sich fort. Auch für den Spätsommer 2009 ist wieder ein kritisches Minimum des arktischen Meereises zu erwarten.
“Für die erste diesjährige Prognose haben wir berechnet, dass die Eisbedeckung im Nordpolarmeer am Ende des Sommers 2009 mit mehr als 28-prozentiger Wahrscheinlichkeit unter der von 2007 liegt. Das war das Jahr mit der bisher geringsten gemessenen Eisausdehnung”, erläutert Prof. Dr. Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut. Im Laufe des Sommers soll die nun vorgelegte Prognose, die als Kooperation im Rahmen des EU-Projektes DAMOCLES gemeinsam mit Hamburger Mitarbeitern der wissenschaftlichen Firmen OASys und FastOpt erarbeitet wurde, monatlich wiederholt werden. Da die Schmelzperiode in der Arktis gerade erst einsetzt, ist die Unsicherheit der Prognose noch sehr groß. Wir erwarten eine zunehmende Genauigkeit, je näher das Startdatum der Prognose an den Zielzeitraum im September rücken wird”, so Gerdes.
Die Prognose des Teams vom KlimaCampus der Universität Hamburg fällt etwas positiver aus: “Die Wahrscheinlichkeit, dass der Negativrekord von 2007 in diesem Jahr noch unterschritten wird, beziffern wir derzeit mit sieben Prozent – Tendenz steigend”, sagt Prof. Dr. Lars Kaleschke vom Institut für Meereskunde. Am langfristigen Trend besteht auch für ihn kein Zweifel. “Das arktische Meereis wird auch in diesem Jahr wieder extrem abschmelzen – mit weit reichenden Folgen für die globale Wärme- und Strahlungsbilanz.”
Die Wissenschaftler gehen grundsätzlich von einer langfristigen Abnahme der Meereisbedeckung für das Nordpolargebiet in den Sommern der kommenden Jahrzehnte aus. Die exakte Vorhersage für den jeweils nächsten Spätsommer ist jedoch nicht möglich. Das liegt an zwei Faktoren: Zum einen ist – im Gegensatz zum Eisbedeckungsgrad – die Eisdicke am Ende des Winters in ihrer räumlichen Verteilung nicht bekannt. “Deren Kenntnis ist jedoch von entscheidender Wichtigkeit für eine gute Prognose”, erklärt Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut.
Daneben wird eine Vorhersage über den Sommer hinweg dadurch erschwert, dass die kurzfristige Entwicklung des Meereises von dem tatsächlichen Wetter über dem Nordpolarmeer abhängt. Dieses ist jedoch nicht über mehrere Monate hinweg vorhersagbar.
Die beiden Wissenschaftlerteams haben sich diesen Problemen mit unterschiedlichen Verfahren genähert. Prof. Gerdes und sein Team haben in diesem Jahr zusätzliche Beobachtungsdaten in ihr Modell einfließen lassen. Dazu benutzen sie ein Datenassimilationssystem, das in den letzten drei Jahren im Rahmen von DAMOCLES durch OASys und FastOpt entwickelt wurde. Damit orientiert sich die Simulation mit ihrem Modell (NAOSIM) möglichst genau an den Beobachtungsdaten, die in den letzten Monaten in der Arktis gewonnen wurden. Hierzu gehören ozeanische Messdaten von Driftbojen, wie sie auch das Alfred-Wegener-Institut im Eis ausgebracht hat, sowie die von Satelliten aus gemessene Eisbedeckung und Eisbewegung. In späteren Vorhersagen sollen auch die vom Alfred-Wegener-Institut und der kanadischen University of Alberta mit dem Polarflugzeug Polar 5 gewonnenen Eisdickenmessungen berücksichtigt werden.
Die Prognose der Hamburger Wissenschaftler um Prof. Lars Kaleschke stützt sich auf eine Hochrechung von Satellitendaten aus den vergangenen 36 Jahren. Das ist die längste globale Klimazeitreihe, die es aus Satellitenmessungen gibt.
“Unsere jüngsten Studien zeigen, dass es keinen zwingenden Zusammenhang gibt zwischen den im Winter und im Frühjahr gemessenen Eisflächen und dem für den Spätsommer zu erwartenden Minimum”, berichtet Kaleschke. Bei ihrer Methode wurden verschiedene statistische Vorhersageverfahren auf ihre Tauglichkeit getestet. Die genaueste Methodik ist derzeit die Analyse der jeweiligen Minima, also der September-Daten über den gesamten Zeitraum. Verglichen mit den später tatsächlich gemessenen Werten, ergibt sich hier die höchste Übereinstimmung.
“Auch wenn wir uns nicht unbedingt ein neues Rekordminimum der Eisausdehnung wünschen, hoffen wir natürlich, dass wir wie im Vorjahr mit unserer Prognose nahe an die tatsächlichen Werte im September herankommen”, so Rüdiger Gerdes.
Wegen der Erderwärmung schrumpft das arktische Meereis seit Jahren mit ungeahnter Geschwindigkeit.
(c) Tina / Pixelio
Klimawissenschaftler fürchten Rückkopplungseffekte, die die Veränderungen in der Nordpolregion weiter beschleunigen und das Klimagleichgewicht der Erde insgesamt bedrohen. Gleichzeitig weckt der Rückgang des Polareises Begehrlichkeiten. Weil im hohen Norden gewaltige Öl- und Gasreserven vermutet werden, breitet sich unter den Anrainern Goldgräberstimmung aus. Auch die EU und die Bundesregierung wollen dabei sein, wenn der Klimawandel den Rohstoffreichtum des Nordens zugänglich macht – und setzen dafür unmittelbar vor der entscheidenden Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 ihre klimapolitische Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
„Wer die dramatischen Folgen des Klimawandels in der Arktis als Chance betrachtet, ihn weiter anzuheizen, verliert jede klimapolitische Glaubwürdigkeit. Er braucht sich im Grunde an keinen Verhandlungstisch zum Schutz des Weltklimas mehr zu setzen“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch in Berlin. Am Umgang der internationalen Gemeinschaft mit einer der letzten nahezu unberührten Weltregionen, werde sich voraussichtlich erweisen, ob die heute lebende Generation in der Lage ist, den Planeten Erde als lebenswerten Ort für ihre Kindeskinder zu erhalten. „Es geht natürlich auch um die Eisbären und die Fauna und Flora, die es so nur in der Arktis gibt. Aber jenseits des Schutzes der einzigartigen Polarregion, müssen wir angesichts des fortschreitenden Klimawandels die Frage stellen, ob wir noch alle fossilen Brennstoffe ausbeuten dürfen, die wir irgendwo auf der Welt vermuten. Ich meine: Nein, das arktische Öl und das arktische Gas sollten bleiben, wo sie seit Millionen Jahren sind“, erklärte Resch.
Bis zu 25 Prozent der weltweit verbleibenden Erdöl- und Erdgasressourcen werden in der Arktisregion vermutet. Der Wettlauf um die arktischen Ressourcen hat längst begonnen. Die direkten Arktis-Anrainer Russland, Kanada, die USA, Dänemark (Grönland) und Norwegen melden Ansprüche an. Aber auch die EU-Kommission will ausweislich ihrer Mitteilung „Die Europäische Union und die Arktis“ vom November 2008 die Erdöl- und Erdgasvorkommen der Arktis nutzen, um die Energieversorgungssicherheit und die allgemeine Rohstoffversorgungssicherheit in der EU zu verbessern. Sie sucht derzeit nach Möglichkeiten, dieses Ziel auch ohne unmittelbaren Anrainerstatus durchzusetzen. Der Rat der Europäischen Union – und damit die Mitgliedstaaten – hat diese Ausrichtung der europäischen Arktispolitik ausdrücklich begrüßt. Und der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Jochen Homann, ließ sich mit den Worten zitieren, dass es wichtig sei, die Wirtschaftspotenziale der Arktis anzuerkennen. Die gewaltigen Erdöl- und Erdgasvorkommen könnten, so Homann, einen zentralen Beitrag zur Energieversorgungssicherheit Europas liefern.
„Zwar wird die Notwendigkeit des Schutzes der Arktis stets betont, im selben Atemzug geht es dann aber um ihre Ausbeutung. Das ist wahlweise schizophren oder zynisch. Denn die Ausbeutung der arktischen Ressourcen lässt sich offensichtlich umso besser bzw. teilweise überhaupt erst realisieren, je mehr Eis schmilzt“, sagte die neue Leiterin Klimaschutz und Energiewende der Deutschen Umwelthilfe Cornelia Ziehm. Bundeskanzlerin Merkel und Bundesumweltminister Gabriel hätten sich seinerzeit medienwirksam vor grönländischen Gletschern fotografieren lassen, um ein Zeichen für die Bedeutung der Arktis für das Weltklima zu setzen. Daran müssten sie sich nun messen lassen. Statt durch Gewinnung fossiler Energieträger in der Arktis eine Energieversorgung in die Zukunft zu verlängern, die für die globale Erwärmung verantwortlich sei, müsse die Bundesregierung gemeinsam mit der EU umgehend internationale Verhandlungen zum Schutz der Arktis anstrengen.
„Wir stehen an einer Weggabelung“, sagte Ziehm, „entweder wir nehmen den Klimawandel und den Kampf gegen die Erderwärmung ernst oder wir setzen nicht nur die Arktis in ihrer Einzigartigkeit aufs Spiel, sondern auch das Erdklima insgesamt“. Die DUH fordere deshalb EU und Bundesregierung auf, noch vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen, Verhandlungen über die Vereinbarung eines internationalen Abkommens zum Schutz der Arktis zu initiieren. Ziehm erinnerte daran, dass es der Staatengemeinschaft mit dem 1961 in Kraft getretenen und 1991 erweiterten Antarktisvertrag in eindrucksvoller Weise gelungen war, trotz geltend gemachter Gebietsansprüche ein Verbot jeglicher Bergbauaktivitäten in der Antarktis zu vereinbaren. „Was vor fast 20 Jahren ohne die heutigen Erkenntnisse über den Klimawandel für die Antarktis möglich war, muss heute erst recht für die Arktis in Angriff genommen werden“, verlangte Ziehm.
Die Ablehnung eines spezifischen Rechtsrahmens zum Schutz der Arktis durch die Spitzenkandidaten von CDU und CSU für das Europäische Parlament, Hans-Gert Pöttering und Markus Ferber, sei vor diesem Hintergrund enttäuschend und bedenklich. Die Spitzenkandidatin der FDP, Silvana Koch-Mehrin, hatte auf eine entsprechende Umfrage der DUH erst gar nicht geantwortet. Die Spitzenkandidaten der SPD (Martin Schulz), der Partei Die Linke (Lothar Bisky) und von Bündnis 90/Die Grünen (Rebecca Harms, Reinhard Bütikofer) befürworten dagegen den Abschluss eines internationalen Vertrages zum Schutz der Arktis nach dem Vorbild des Antarktisvertrages. Das Hintergrundpapier “Die Arktis schützen, nicht ausbeuten” finden Sie hier (PDF)
Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung ist ein Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft
Das AWI erforscht seit mehr als 25 Jahren die Zusammenhänge des weltweiten Klimas und der speziellen Ökosysteme im Meer und an Land. Zentraler Forschungsschwerpunkt sind die Arktis und Antarktis. Außerdem führt das Alfred-Wegener-Institut wissenschaftliche Projekte in den gemäßigten Breiten durch. Das nötige Know-how gewährleisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und Nationen: Gemeinsam und übergreifend untersuchen sie die Klima-, Bio- und Geosysteme der Erde. Ziel der Forschungsarbeiten am Alfred-Wegener-Institut ist, die Veränderungen der globalen Umwelt und des Erdsystems zu entschlüsseln, die teils natürlich und teils durch den Menschen hervorgerufen sind.
Anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Unterzeichnung des Antarktisvertrags treffen sich in Washington erstmals Minister des Arktischen Rats mit Vertretern der Antarktischen Vertragsstaaten zu einer gemeinsamen Konferenz.
(c) David Jenkins / WWF-Canada
Der WWF warnt anlässlich des historischen Treffens vor einem Zusammenbruch der süd- und nordpolaren Ökosysteme.
„Ein Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur um zwei Grad ist definitiv zuviel für unsere Polregionen“, warnt Rob Nicoll vom Antarktis-Programm des WWF. Eisbären und Pinguinen würden, stellvertretend für alle Bewohner an Süd- und Nordpol, die Ersten sein, die unter der Klimaerwärmung leiden. Derzeit beobachten Wissenschaftler in der Antarktis mit großer Sorge, wie Eisschelfe von der Größe kleiner Länder wegbrechen und verloren gehen. „Die Pinguine mögen die globale Erwärmung als erstes mitbekommen, doch wir sind nicht lange danach an der Reihe“, sagt WWF-Experte Nicoll.
Auch auf der anderen Seite des Planeten sieht es nicht viel besser aus. Wissenschaftler befürchten, dass die Arktis binnen einer Generation im Sommer komplett eisfrei sein könnte. „Das Treffen in Washington ist von weltweiter Bedeutung”, sagt daher Neil Hamilton, Leiter des WWF Arktis-Programms. „Endlich sitzen die Hüter von Nord- und Südpol an einem Tisch. Sie haben die einmalige Chance, der Welt zu beweisen, dass sie ihrer Verantwortung für die Polarregionen gerecht werden.“ Der WWF fordert von den Regierungsvertretern des Arktischen Rats und der Antarktischen Vertragsstaaten, sich auf gemeinsame, ambitionierte und effektive Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel zu einigen – und diese Position beim anstehenden Klimagipfel in Kopenhagen mit Nachdruck zu vertreten.