Mittwoch 13. Juli 2011 von birdfish
Ein neues Konzept zur Speicherung und zum Transport regenerativer Energie für mobile Anwendungen steht im Fokus der aktuellen Forschung der Universität Erlangen-Nürnberg.
Wie kommt die Energie an ihren Bestimmungsort? – Foto: Rebel – Fotolia.com
Das Konzept geht davon aus, dass die an einem „energiereichen“ Ort (Windanlage, Photovoltaik-Feld) zu einer „energiereichen“ Zeit bereitgestellte Energie genutzt wird, um eine energiearme Flüssigkeit in einer chemischen Reaktion mit elektrolytisch hergestelltem Wasserstoff zu beladen.
Diese nun mit Energie angereicherte Flüssigkeit kann verlustfrei über große Zeiträume gelagert, mit hoher Energiedichte transportiert und unter Nutzung der heutigen Infrastruktur (Pipeline, Tankschiff, Tanklager, Tankstelle) verteilt werden. Am Ort und zur Zeit des Energiebedarfs wird die energiereiche Flüssigkeit unter Freisetzung von Wasserstoff wieder energetisch entladen und zum Ort der Energieerzeugung zurückgebracht. Über den Stand der Forschung haben die beiden Wissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Arlt und Prof. Dr. Peter Wasserscheid jüngst in Energy and Environmental Science, DOI:10.1039/C1EE01454D, berichtet.
Die neuartige Technologie baut auf einem Patent der Firma Air Products von 2004 auf und nutzt sogenannte „Liquid Organic Hydrogen Carriers“ (LOHC). Diese Energie Tragenden Stoffe existieren in einer energiearmen Form und in einer energiereichen, Wasserstoff beladenen Form. Kern der Forschung ist aktuell die Chemikalie N-Ethylcarbazol als energiearme Form, kurz: Carbazol.
Die heute diskutierten Szenarien zur Energiebereitstellung aus regenerativen Quellen im großen Maßstab (Windparks in der Nordsee, Desertec etc.) erfordern als wesentliche technische Voraussetzung geeignete Wege, um große Energiemengen möglichst verlustfrei speichern und transportieren zu können. Nur so lassen sich saisonale Schwankungen in der Erzeugung ausgleichen, nur so kann ein effizienter nicht-elektrischer Transport der Nutzenergie zum Ort des Verbrauchs realisiert werden. Die Nutzung der beforschten LOHC-Systeme wird vielfältig betrachtet und erstreckt sich von mobilen Anwendungen (etwa zum Antrieb von Automobilen mit Verbrennungsmotoren oder Brennstoffzellen) über die Stabilisierung von elektrischen Netzen bis zu Themen des globalen Energietransports.
Kategorie: Energiearten, Erneuerbare Energien, Forschung, Gruppen, Neue Technologien, Ressourcen, Veröffentlichungen, Öffentlichkeit |
Keine Kommentare »
Mittwoch 29. Juni 2011 von birdfish
Siemens setzt bei alternativen Energien auch auf die Gezeiten, wie die Zeitschrift “Pictures of the Future” in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet.
Gezeitenkraftwerk: Unterwasserturbine liefert Strom aus Ebbe und Flut – Foto: Siemens
Das Unternehmen hat sich am weltweit ersten kommerziellen Kraftwerk beteiligt, das Strom aus Gezeitenströmungen gewinnt. Die Anlage SeaGen in der irischen See liefert eine Leistung von 1,2 Megawatt und kann damit etwa 1500 Haushalte mit Strom versorgen. Dabei treiben die Meeresströmungen, die durch Ebbe und Flut entstehen, seit 2008 zwei große Unterwasser-Rotoren an. Siemens hält seit 2010 zehn Prozent der Anteile an der Betreiberfirma Marine Current Turbines. 2014 soll vor Schottland eine größere Anlage mit acht Megawatt Leistung installiert werden, die dann rund 8000 Haushalte mit Gezeitenstrom versorgen wird.
Nach Angaben der Internationalen Energie Agentur ließen sich pro Jahr aus den Meeresströmungen weltweit 800 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen. Das ist etwa ein Drittel mehr als die jährliche Stromproduktion in Deutschland und genug, um 250 Millionen Haushalte zu versorgen.
SeaGen steht vor dem nordirischen Städtchen Strangford in einer Meerenge, wo besonders starke Gezeitenströme auftreten. Die Anlage besteht aus einem drei Meter dicken Turm, der in 30 Meter Tiefe am Meeresboden verankert ist und – je nach Wasserpegel –weit aus dem Meer herausragt. Unter Wasser drehen sich an jeder Seite zwei Rotoren mit 16 Metern Durchmesser in der Strömung. Zusammen überdecken sie eine Fläche von rund 400 Quadratmetern. Um beide Strömungsrichtungen – also zu- und ablaufendes Wasser – zu nutzen, kippen die Rotorblätter um 180 Grad, sobald sich die Fließrichtung umkehrt.
Meeresströmungsanlagen sind etwa doppelt so teuer wie vergleichbare Offshore-Windparks, haben aber ihre Vorteile: Um die 6.000 Megawattstunden pro Jahr, die Seagen erzeugt, aus einer Offshore-Windanlage zu gewinnen, müsste man knapp die doppelte Leistung installieren. Die Meeresenergie ist auch besser kalkulierbar als Wind- oder Sonnenenergie, weil Gezeiten- und andere Meeresströmungen sich gut vorhersagen lassen.
Kategorie: Elemente, Energiearten, Erneuerbare Energien, Gruppen, Neue Ressourcen, Neue Technologien, Ressourcen, Wasser, Wirtschaft |
Keine Kommentare »
Montag 30. Mai 2011 von birdfish
Eine neue Generation von Litium-Batterien könnte bald den Strom der heimischen Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach speichern und so Hausbesitzer zu autarken Stromerzeugern machen.
Neuer Stromspeicher macht Hausbesitzer/innen autark – Foto: Dagmar Struß
Elektrochemiker und Elektroingenieure der TU München entwickeln Akkus aus Litiumtitanat und Litiumeisenphosphat, die extrem lange haltbar und damit kostengünstig sein werden. Das Projekt wird von der Stiftung Nagelschneider gefördert und wurde auf der Messe Intersolar Europe 2011 in München vom 8. – 10. Juni 2011 präsentiert.
Der Umstieg auf erneuerbare Energien wird unsere Stromnetze völlig verändern. Denn Strom aus Wind und Sonne ist nicht immer gleichmäßig verfügbar und kann nicht immer dort gewonnen werden, wo er gebraucht wird. Zum einen muss daher unser Stromnetz von einem Verteilernetz zu einem europäische konzipiertem Transportnetz umgebaut werden. Zum andern muss Strom gespeichert werden. Bisher geschieht dies in Pumpspeicherkraftwerken; an der Realisation von Druckspeicherkraftwerken wird intensiv geforscht. Eine Alternative als dezentraler Stromspeicher könnte eine neue Generation Litium-Batterien sein, die Litiumtitanat (LTO) für die Anode und Litiumeisenphosphat (LFP) für die Kathode nutzt.

An der TU München entwickeln derzeit Elektrochemiker und Elektroingenieure gemeinsam eine solche LTO-LFP-Batterie, die über extrem viele Ladezyklen haltbar sein soll und sich daher etwa als Stromspeicher von Fotovoltaikanlagen eignen könnte. An Versuchszellen wurde bereits eine Lebensdauer von 20.000 Zyklen ohne eine nennenswerte Veränderung der Kapazität nachgewiesen – bisher gebräuchliche Litiumionenbatterien zum Beispiel schaffen lediglich 1.000 bis 3.000 Zyklen.
Bislang sind LTO-LFP-Batterien noch wenig erforscht, da sie für Elektroautos zu groß und zu schwer wären. Da Anwendungen als Speicher für erneuerbare Energien meist jedoch keine hohen Anforderungen an die Energiedichte stellen, macht die Langlebigkeit von LTO-LFP-Batterien sie als Speicher sehr kostengünstig.
Kategorie: Energiearten, Energieversorger, Erneuerbare Energien, Forschung, Gruppen, Mensch, Neue Technologien, Ressourcen, Ressourcen sparen, Städte, Verbraucher, Wirtschaft |
Keine Kommentare »
Dienstag 24. Mai 2011 von birdfish
Alte und neue Mieter ziehen nach 18 Monaten Sanierungszeit seit Ende April 2011 in das weltweit erste nach Passivhausstandard sanierte Hochhaus im Freiburger Stadtteil Weingarten.
Passivhochhaus: 90 sanierte Wohnungen – Foto: Fraunhofer ISE
Der Primärenergiebedarf für Beheizung, Trinkwassererwärmung, Lüftung, Beleuchtung und Haushaltsstrom wurde um 40 Prozent gesenkt. Die Forschungen an dem Modellprojekt gehen weiter.
Im bewohnten Gebäude analysieren die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE über zwei Jahre den Energieverbrauch im realen Betrieb. Die Ergebnisse haben, wie das gesamte Projekt, Modellcharakter und sollen zukünftig in vergleichbare energetische Sanierungsvorhaben einfließen. Gemeinsam haben sich die Freiburger Stadtbau GmbH, die badenova WÄRMEPLUS und das Fraunhofer-Institut zum Ziel gesetzt, den Primärenergiebedarf des gesamten Stadtteils bis zum Jahr 2020 um 50 Prozent zu reduzieren.
Der Heizwärmebedarf des Hauses ist nach der Sanierung deutlich unter 20 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/m²a) gesunken und mit dem eines neu gebauten Passivhauses vergleichbar. Der Heizwärmebedarf nach Sanierung liegt bei einem Fünftel des ursprünglichen Werts und wurde damit um 80 Prozent gesenkt.
Der Energieverbrauch des sanierten Gebäudes wird seit März 2011 vom Fraunhofer-Institut gemessen. Einzelne Geschosse werden dabei sehr detailliert erfasst (Warmwasserbedarf, Haushaltsstrom, Heizung, Fensterkontakte). Die Messungen werden zwei Jahre dauern, die Ergebnisse anonymisiert erfasst. Für die Senkung des Primärenergiebedarfs ist auch die Senkung des Haushaltstroms ausschlaggebend. Über die Verbrauchsentwicklung werden die Bewohner der „Messgeschosse“ ständig informiert. Die Wärmebereitstellung des Stadtteils Weingarten basiert auf Kraft-Kärme-Kopplung. Auf Grund der optimierten Gebäudedämmung sinkt der Bedarf und wird im Jahresverlauf gleichmäßiger. Der Einsatz gasbetriebener Kessel kann reduziert werden.
Über das Sanierungsprojekt »Weingarten 2020«
Der westliche Teil des 1965-1969 entstandenen Freiburger Stadtteils Weingarten wird im Zeitraum 2007 bis ca. 2020 in drei Abschnitten modernisiert. Der BINE Informationsdienst berichtete zuletzt im Januar 2011.
Das Areal, in dem rund 5.800 Menschen wohnen, umfasst eine Fläche von etwa 30 ha. Im Sanierungsgebiet sind vier Gebäudetypen mit rund 1.300 Wohnungen vorhanden: 16-geschossige Hochhäuser, acht und viergeschossige Mehrfamilienhäuser sowie einige Nichtwohngebäude. Als erstes von vier Hochhäusern wurde in rund eineinhalb Jahren das Gebäude in der Bugginger Straße 50 energetisch modernisiert. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie förderte das Hochhausprojekt im Rahmen der Forschungsinitiative „Energieeffiziente Stadt“.
Kategorie: Erneuerbare Energien, Forschung, Gruppen, Mensch, Ressourcen, Ressourcen sparen, Städte, Veröffentlichungen, Öffentlichkeit |
Keine Kommentare »
Donnerstag 12. Mai 2011 von birdfish
Sonne, Wind, Biomasse, Wasser – Strom kommt künftig aus vielen unterschiedlichen Quellen und aus verschiedenen Ländern.
Die alten Stromnetze sind nicht zukunftsfähig – Foto: Gabi Schoenemann / Pixelio
Schon in einigen Jahrzehnten könnte ein Teil der in Europa benötigten elektrischen Energie aus Nordafrika stammen. Doch das erfordert neue Übertragungs- und Speichertechnik. Fraunhofer-Forscher arbeiten in dem Übermorgen-Projekt “Supergrid” an Komponenten und Systemen, um elektrische Energie zuverlässig erzeugen, speichern und verteilen zu können.
Große solarthermische Anlagen in Afrika, Offshore-Windparks in der Nordsee, Photovoltaik-Kraftwerke im Süden und die vielen dezentralen Anlagen in Mitteleuropa sollen künftig einen großen Teil unseres Stroms liefern. Damit aber der Umstieg auf regenerative Energien gelingt, müssen noch einige Herausforderungen gemeistert werden. Wie kann man den Strom ohne große Verluste über tausende Kilometer transportieren? Lässt sich die stark fluktuierende Energie effektiv speichern? Wie kann man den Strom in unsere Netze einspeisen? In dem jetzt gestarteten Zukunftsprojekt »Supergrid« arbeiten Fraunhofer-Forscher an Komponenten, um Strom verlustarm zu speichern und zu verteilen.
Neuartige Mittelspannungs- und Hochspannungs-Gleichstromnetze
“Der geplante, rasche Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung erfordert nicht nur einen Umbau der Stromnetze, sondern auch die energiewirtschaftlich optimierte Integration von erneuerbarer Energie, Speichertechnologien und Stromnachfrage. Hierfür sind noch grundlegende technologische Innovationen erforderlich. Unser Ziel ist es, Schlüsseltechnologien an der Schnittstelle zwischen Erzeugung und Einspeisung ins Netz zu entwickeln und in einem ganzheitlichen systemtheoretischen Ansatz zu optimieren”, erläutert Dr. Werner Platzer vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg, der das Projekt Supergrid koordiniert. In dem Projekt arbeiten Forscher der Fraunhofer-Institute für Solare Energiesysteme ISE, für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB, für Werkstoffmechanik IWM, für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie IISB.
Ein Schwerpunkt ist die Entwicklung von Komponenten und Systemen für neuartige Mittelspannungs- und Hochspannungs-Gleichstromnetze, über die Strom aus Sonne und Wind verlustarm über große Entfernungen transportiert werden soll. Bislang ist die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung als Punkt zu Punkt Verbindung ausgeführt. Mit Hilfe von auch erdverlegten Gleichstromnetzen, sollen die verteilten Energieerzeuger – etwa verschiedene Windkraftlagen und Solaranlagen – über weite Distanzen ohne große Verluste gekoppelt werden. Dazu braucht man neue regelungstechnische Verfahren und Systemkomponenten, die in dem Übermogen-Projekt »Supergrid« von Fraunhofer-Forschern entwickelt werden.
Hochtemperatur-Speicher: Wärme speichern
Ein wichtiger Baustein für die künftige Stromversorgung sind solarthermische Kraftwerke, die in Südeuropa und Nordafrika gebaut werden, wie zum Beispiel in dem Vorhaben Desertec. Hierbei wird Sonnenenergie in nutzbare Wärme umgewandelt. Diese wird dann zur Stromerzeugung genutzt werden. Der große Vorteil: Die erzeugte Wärme lässt sich etwa in Öl, Dampf oder Flüssigsalz speichern. So können die Kraftwerke rund um die Uhr Strom liefern.
Fraunhofer-Forscher wollen nun besonders kostengünstige und effiziente Hochtemperatur-Speicher entwickeln. Ein Ziel ist es, die Kosten für die Wärmespeicherung langfristig um mehr als die Hälfte zu senken. Mit Salzmischungen (Nitrate, Nitrite u.ä.) lässt sich Wärme besonders effizient speichern. Der Nachteil: Sie sind äußerst korrosiv. Fraunhofer-Forscher arbeiten daher an Werkstoffen, die Salzschmelzen auch bei hohen Temperaturen langfristig standhalten.
“Die Einbettung vernetzter Erzeuger und Speichertechnik in eine Gesamtstrategie für den Ausbau der erneuerbaren Energien erfordert zunächst aber eine genaue Analyse des Energiemarktes”, beschreibt Platzer einen wichtigen Aspekt des Projekts. Darauf aufbauend wollen die Forscher integrierte und optimierte Netzstrukturen entwickeln.
Kategorie: Energiearten, Erneuerbare Energien, Forschung, Gruppen, Neue Technologien, Ressourcen |
Keine Kommentare »
Donnerstag 6. Januar 2011 von birdfish
Die novellierte Richtlinie über die integrierte Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung (IVU-Richtlinie) wurde im Amtsblatt der EU veröffentlicht und tritt am heutigen 6.1.2011 in Kraft.
IVU-Richtlinie soll Luftverschmutzung mindern – Foto: Konstantinos Dafalias / Pixelio
Die EU-Mitgliedstaaten haben nun zwei Jahre Zeit, die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen.
Die Richtlinie sieht auch wichtige Änderungen für den Sevilla-Prozess zu den Besten verfügbaren Techniken (BVT) vor, die die Europäische Kommission mit allen betroffenen Akteuren in die Wege leiten muss.
Im Informationsaustausch arbeiten die EU-Mitgliedstaaten, die betroffene Industrie sowie Umweltverbände mit.
Richtlinie der EU über Industrieemissionen (integrierte Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung) (PDF)
“Sevilla-Prozess” – Informationen des Umweltbundesamtes zu den BVT (Beste verfügbare Techniken)
Kategorie: EU, Elemente, Gesetze, Gesundheit, Gruppen, Luft, Mensch, Politik, Veröffentlichungen, Wirtschaft, Öffentlichkeit |
Keine Kommentare »
Donnerstag 30. September 2010 von birdfish
Eine besondere Art Windkraftwerk steht im Mittelpunkt der Internationalen Konferenz SCPT 2010 – Solar Chimney Power Technology, die zur Zeit an der Uni Bochum stattfindet.
Aufwindkraftwerke – Energiequellen der Zukunft? – Abbildung: Krzysztof Blachnicki / Wikipedia
Gedacht für die Wüsten der Welt besteht es aus einem kilometergroßen, flach ansteigenden Glasdach, unter dem die Sonne die Luft erhitzt, die dann durch einen kilometerhohen Turm abfließt und dabei Turbinen antreibt. Machbar ist alles bis 1.500 Meter Turmhöhe, haben die Ingenieure errechnet.
Jetzt geht es darum, die Stromkosten zu optimieren. Konkurrenzfähig mit Kohle-, Öl-, Gas- und Kernenergie sind die Aufwindkraftwerke allemal, da die Baukosten geringer und die Lebensdauer mit über 100 Jahren doppelt so lang ist.
Stromimport aus Afrika
„Die zukünftige Stromversorgung Europas ist nur mit umweltschonenden und regenerativen Technologien möglich“, sind die Ingenieure überzeugt. Diese Notwendigkeit hat die Erzeugung von Solarstrom in den Wüsten Nordafrikas und Arabiens (MENA-Staaten) und den Stromtransport nach Europa zu einem aktuellen Thema gemacht. So hat das deutsche Wüstenstrom-Projekt DESERTEC Konkurrenz bekommen, denn auch Frankreich plant mit seinem Projekt TRANSGREEN den Import von solarem Wüstenstrom.
Windkraftwerk mit Sonnenkraft
Die solare Aufwindtechnologie – Solar Chimney Power Technology – ist dabei eine interessante Option. Die Sonne erhitzt die Luft unter einem gigantischen Glasdach über idealerweise dunklem Boden. Die heiße, leichte Luft will nach oben entweichen und muss dabei den Weg durch einen sehr hohen Kamin nehmen. Auf ihrem Weg treibt sie Turbinen an und erzeugt so Strom. „Im Grunde handelt es sich somit um ein Windkraftwerk, angetrieben von einer solar erzeugten Luftströmung“, erläutert Prof. Dr.-Ing. Hans-Jürgen Niemann, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Windingenieurwesen und Strömungsmechanik der RUB. Die Hauptbestandteile der benötigten Baustoffe – Beton und Glas – sind in allen Wüsten der Erde vorhanden.
Konkurrenzfähig mit Kohle- und Atomstrom
Die Technik dieser Kraftwerke ist robust und weitgehend wartungsfrei, die Entwurfs-Lebensdauer von über 100 Jahren garantiert niedrige Stromgestehungskosten. „Die Kilowattstunde Strom könnte in den ersten 25 Jahren, in denen die Baukosten wieder hereinkommen müssen, etwa 12 bis 18 Cent abhängig von der Größe des Aufwindkraftwerks kosten, danach nur noch rund zwei Cent“, schätzt Prof. Niemann. „Damit ist der Preis absolut konkurrenzfähig mit Kernkraft- und Kohlestrom, die je unter fünf bzw. unter sieben Cent pro Kilowattstunde liegen.“ Die Baukosten für ein Aufwindkraftwerk mit einem 500-Meter-Turm, einem Kollektor von ca. zwei Kilometern Durchmesser und einer Leistung von etwa 20 Megawatt schätzt er auf rund 150 bis 200 Mio. Euro. Zum Vergleich: Der Bau eines Kohlekraftwerks mit 1.200 Megawatt Leistung kostet rund 1,2 Mrd. Euro, die Lebensdauer beträgt etwa 50 Jahre.
Brackwasserentsalzung als Nebenprodukt
Ein weiterer Pluspunkt des Aufwindkraftwerks: Es benötigt kein Wasser zur Stromerzeugung. Ganz im Gegenteil, es kann sogar der Brackwasserentsalzung dienen. In großen Tanks unter der Glasfläche des Kollektors kann man Brackwasser erhitzen und verdampfen, so dass es das Salz zurücklässt – eine Wasserentsalzung als Nebeneffekt. Die Wassertanks wiederum wirken positiv auf die Stromerzeugung zurück. Denn das Wasser speichert die Wärme der Sonne länger als der Boden, so dass die Turbinen selbst nach Einbruch der Dunkelheit noch weiter Strom „on demand“ erzeugen können.
Auch Landwirtschaft unterm Dach
Die Außenbereiche der Kollektoren – die Glasfläche steigt bei einem großen Aufwindkraftwerk mit einem Kollektordurchmesser von fünf bis sieben Kilometern und einer Turmhöhe von 1.500 Metern von etwa fünf Metern am äußeren Rand bis ca. 25 Meter nahe des Turms an – bieten außerdem beste klimatische Bedingungen für eine landwirtschaftliche Nutzung. „Insgesamt sind diese Kraftwerke Entwicklungsprojekte zur Eindämmung der Wüsten“, fasst Prof. Niemann zusammen. „Es entsteht eine typische Win-Win-Situation, welche die Bedürfnisse der Erzeugerländer mit denen der Stromimporteure zu einem Optimum kombiniert.“
Optimale Lösung für jeden Standort
Aktuelle Aufgabe der Forscher ist es, die jeweils günstigste Kraftwerkslösung für einen Standort zu errechnen. Die Größe des Kollektors muss der Höhe des Turms angepasst werden, auch die Höhe des Glases über dem Boden ist eine Stellschraube. Bei einem 1.500-Meter-Turm misst der Kollektor im Durchmesser ca. fünf bis sieben Kilometer, bei einem 500-Meter-Turm etwa einen Kilometer. Konkrete Bauvorhaben für Aufwindkraftwerke gibt es derzeit nicht, „es wäre schön, wenn man recht bald ein Projekt mit 500-Meter Turm realisieren würde, um Erfahrungen mit dem Bau zu sammeln“, wünscht sich Prof. Niemann.
Tagung mit Gästen aus fünf Kontinenten
Die Tagung richtet die Ruhr-Universität in Partnerschaft mit der Bergischen Universität Wuppertal aus. Rund 40 Vortragende aus fünf Kontinenten sind zu Gast. Auf einer abschließenden Podiumsdiskussion zwischen hochrangigen Experten geht es um Vor- und Nachteile dieser Technologie im Vergleich zu anderen Energiekonzepten.
Die Website zum Solar Chimney Projekt
Kategorie: Boden, Elemente, Energiearten, Entwicklungsländer, Erneuerbare Energien, Ernährung, Forschung, Gruppen, Konferenzen-Events, Landwirtschaft, Luft, Mensch, Neue Ressourcen, Neue Technologien, Ressourcen, Tiere und Pflanzen, Veröffentlichungen, Wasser, Wirtschaft, Öffentlichkeit |
1 Kommentar »
Freitag 17. September 2010 von birdfish
Der Kampf gegen den Klimawandel und die globale Armut kann nur zusammen gewonnen werden.
Report: ‘Global aber gerecht’
Zu dieser Erkenntnis kommt der Report „Global aber Gerecht – Klimawandel bekämpfen, Entwicklung ermöglichen“, der jetzt gemeinsam von MISEREOR, der Münchener Rück Stiftung, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie München (IGP) der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Das Bündnis aus Kirche, Wissenschaft und Finanzwelt fordert in seinem Report eindringlich dazu auf, Klima- und Entwicklungspolitik kohärent miteinander zu verbinden. Konkrete Schritte dafür haben Klimawissenschaftler, Ökonomen, Ethiker und Entwicklungsexperten in einem dreijährigen Projekt gemeinsam erarbeitet.
Der Vorsitzende der SPD Sigmar Gabriel begrüßte die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die der Studie zugrunde liege. „Die Politik braucht Druck aus der Mitte der Gesellschaft – sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Deshalb ist die breite Allianz aus Wissenschaft, Entwicklungshilfe und Finanzwelt so wichtig. Wenn die Weltgemeinschaft nicht schnell und entschlossen handelt, wird der Klimawandel zu einer moralisch und im Übrigen auch ökonomischen Katastrophe führen. Deutschland war lange der Motor der europäischen und internationalen Klimapolitik. Leider droht die Bundesregierung diese Vorreiterrolle gerade zu verspielen.“
„Wer mutige Ziele formuliert und die notwendigen Mittel als utopisch denunziert, untergräbt seine eigene Glaubwürdigkeit. Wir unternehmen mit diesem Buch den Versuch, die erforderlichen Maßnahmen im Sinne eines ‚Global Deal’ für die Klima- und Entwicklungspolitik konkret zu formulieren“, erklärte Ottmar Edenhofer, stellvertretender Leiter und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Hierzu gehörten, so Edenhofer, unter anderem eine Obergrenze für die weltweiten Emissionen, die gerechte Verteilung von CO2-Emissionsrechten und der Handel mit CO2-Zertifikaten. Gleichzeitig müssten die hochentwickelten Länder sowohl die Entwicklung und den internationalen Austausch klimafreundlicher Technologien fördern als auch die Anpassung der ärmeren Länder an den unvermeidbaren Restklimawandel unterstützen. Hierfür sei eine deutliche Stärkung der Entwicklungspolitik notwendig, so Edenhofer.
Auch Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) unterstützte die Forderungen nach einem internationalen Emissionshandel: „Das Recht zu Leben haben alle Menschen. Wenn sich die Industrieländer der Luft als Endlager für das CO2 bedienen und den Entwicklungsländern ihre Lebensgrundlagen entziehen, müssen sie dafür einen Ausgleich leisten. Die Luft kann nicht mehr als freies Gut behandelt werden, dessen man sich nach belieben bedienen kann, ohne dafür zahlen zu müssen“, erklärte Sinn.
MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Josef Sayer kritisierte, dass sowohl in der Klima- als auch in der Entwicklungspolitik viele gute Vorschläge gemacht würden, es aber kaum überzeugende Taten gäbe: „Die Herausforderungen des Klimawandels und der Entwicklungspolitik werden bisher nicht konsequent genug aufgegriffen. Wir erwarten von der Bundesregierung mutigere Schritte in Richtung Vermeidung des Klimawandels und Förderung erneuerbarer Energien. Ebenso erwarten wir, dass die finanziellen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit zur Anpassung an den Klimawandel rasch und deutlich ausgebaut werden“, so Sayer.
„Deutschland hat die Möglichkeiten und damit nach den Gerechtigkeitsüberlegungen im Report auch die Verantwortung, die Anstrengungen zum Klimaschutz zu intensivieren. Gleichzeitig dürfen die Bemühungen für die Armutsbekämpfung nicht vernachlässigt werden“, betonte Johannes Wallacher vom Institut für Gesellschaftspolitik. Thomas Loster von der Münchener Rück Stiftung erklärte: „Wir können zeigen, dass auch mit wenigen Mitteln große Hebel in der Anpassung an den Klimawandel bewegt werden können. Die Optionen liegen auf dem Tisch. Die Zeit ist knapp, es gilt sie rasch umzusetzen.“
Publikation:
Global aber Gerecht – Klimawandel bekämpfen, Entwicklung ermöglichen, Verlag C.H.Beck, München 2010
Kurzfassung des Reports (pdf)
Homepage zum Report
Kategorie: Arbeit, Energiearten, Entwicklungsländer, Erneuerbare Energien, Ernährung, Forschung, Gesundheit, Gruppen, Landwirtschaft, Mensch, Neue Technologien, Personen, Politik, Ressourcen, Tiere und Pflanzen, Veröffentlichungen, Öffentlichkeit |
Keine Kommentare »