KLIMA-MEDIA.de Pressespiegel & Infoblog

Die Europäischen Regelungen gegen Luftverschmutzungen zeigen Wirkung

Montag 17. Januar 2011 von birdfish

Die Europäische Umweltagentur (EEA) hat eine positive Bilanz der Wirksamkeit von europäischen Regelungen gegen Luftverschmutzung gezogen.

EU-Gesetze gegen Luftverschmutzung zeigen erste positive Wirkung
EU-Gesetze gegen Luftverschmutzung zeigen erste positive Wirkung – Foto: Rainer Sturm / Pixelio

Demnach hat die Luftqualität in Europa durch die Gesetze gewonnen. Allerdings wären die Effekte noch besser, wenn die Mitgliedstaaten die Maßnahmen auch endlich umsetzen würden.

Industrieabgase und Straßenverkehr sind nach wie vor Hauptquellen für Luftverschmutzung, die ernste Gesundheitsschäden und Umweltprobleme verursachen. Zusammen sind sie verantwortlich für rund 55 bis 66 Prozent der Gesamtemissionen von Feinstaub, ozonschädigenden und zur Versauerung beitragenden Schadstoffen. Diese Problematik wird in der EU unter anderem durch Emissionsstandards für Straßenkraftfahrzeuge sowie die Richtlinien über die integrierte Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung (IPPC) sowie zur Begrenzung von Schadstoffemissionen von Großfeuerungsanlagen in die Luft (LCP) geregelt. Die EEA hat diese drei Gesetzesregelungen und ihre Effekte nun bewertet und mit Szenarien verglichen, wie die Situation gänzlich ohne Regelung wäre sowie wie die Daten ausfallen könnten, wenn alle Mitgliedstaaten die Gesetze wie gefordert umsetzen würden.

Ergebnisse zum Straßenverkehr:
  • Trotz einer Zunahme des Kraftstoffverbrauchs zwischen 1990 und 2005 um 26 Prozent ist durch die Einführung der Euro-Standards die Menge an Emissionen bei Kohlenmonoxid um 80 Prozent, nicht-methanhalte flüchtige organische Verbindungen um 68 Prozent, Stickstoffoxide um 40 Prozent und Feinpartikel in der Größe von 2,5 Mikrometer um 60 Prozent gesunken.
  • Besonders in städtischen Ballungsgebieten der westlichen EU-Länder ist die Feinstaubkonzentration auf einem viel geringeren Niveau als dies der Fall wäre, wenn es keine Gesetze zum Schutz der Luftqualität gäbe – in Osteuropa ist der Effekt nicht so deutlich.
Ergebnisse zur industriellen Verschmutzung:
  • Die Emissionwerte von Stickstoffen und Schwefeloxiden sind geringer als bei einem Szenarium ohne Gesetzesregelung. Bei Feinstaubemissionen durch die Industrie ist der Effekt sogar verglichen zum Straßenverkehr noch höher. Ohne Politikmaßnahmen lägen die Werte von beiden Gruppen doppelt so hoch. Die größten Reduktionen hat es laut EEA-Bericht in den Hauptindustriegebieten – Deutschland, Po-Region in Italien, den Niederlanden sowie Polen -gegeben.
Ergebnisse zum noch nicht ausgeschöpften Potenzial der vorhandenen Maßnahmen:

Die Emissionen könnten weitaus geringer sein, wären die letzten Euro-Normen für Kraftfahrzeuge in allen EU-Staaten vollständig angekommen. Besonders bei den Stickstoffemissionen durch Benzin- und die Feinstaubemissionen von Dieselfahrzeugen würde sich das bemerkbar machen.

Die Stickstoff- und Schwefeldioxidsemissionen könnten in vielen EU-Staaten halbiert werden, würden die Vorschriften der LCP-Richtlinie eingehalten. Auch Feinstaubpartikel in der Größe von 2,5 Mikrometern – der Grund für schwere Gesundheitsschäden und Todesfälle – könnten dann sehr viel geringer ausfallen.

Wenn die Mitgliedstaaten zudem die nationalen Emissionsobergrenzen (NEC-Richtlinie) beachten würden, ergäben sich viele weitere positive Reduktionseffekte.

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2011 ist Internationales Jahr der Wälder – Privatisierung unserer Wälder stoppen

Mittwoch 5. Januar 2011 von birdfish

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2011 zum “Internationalen Jahr der Wälder” erklärt.

CO2-Speicher Wald schützen
CO2-Speicher Wald schützen- Foto: Ingwer Hansen

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) will in diesem Jahr vor allem die Rolle der Wälder beim Schutz der Artenvielfalt ins Blickfeld rücken. “Der Wald ist nicht primär ein Wirtschaftsgut für die Holzindustrie, er ist vor allem ein Refugium für viele seltene Pflanzen und Tiere. Darunter bedrohte Arten wie Luchs, Wildkatze, Rauhfußkauz und Grauspecht. Der Wald hat eine wichtige Funktion beim Klimaschutz und ist ein unverzichtbarer Erholungsraum für die Bevölkerung”, sagte die BUND-Waldexpertin Heidrun Heidecke. Auch Deutschland müsse beim Waldschutz zulegen. Nadelforste müssten in Mischwälder umgewandelt, Waldmoore renaturiert und mindestens fünf Prozent der Waldfläche aus der Nutzung genommen und als künftige Urwälder geschützt werden.

Heidecke: “Global gesehen ist bei jedem Wimpernschlag ein Hektar Wald verschwunden. Die Vernichtung der Wälder trägt weltweit ebenso viel zum Klimawandel bei wie die CO2-Emissionen aller Autos, Flugzeuge und Schiffe. Die internationale Gemeinschaft muss den Beschluss des Klimagipfels von Cancun vom letzten Dezember schnell umsetzen und mit Geldern aus dem Waldfonds zuerst den Erhalt der Regenwälder sichern.”

Der BUND werde sich in diesem Jahr vor allem für den Schutz der Buchenwälder einsetzen, sagte Heidecke. Bedenklich sei, dass inzwischen jede zweite Buche in Deutschland Schäden aufweise. Hauptursache seien die Emissionen aus Verkehr und Landwirtschaft. Hohe Stickstoffeinträge führten zur Versauerung der Böden und schädigten die Baumwurzeln. Da ein Viertel der weltweiten Buchenbestände hierzulande vorkomme, trage Deutschland für deren Erhalt eine besondere Verantwortung. Die Bemühungen der Bundesregierung, Buchenwälder in Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen 2011 von der UNESCO als Weltnaturerbe schützen zu lassen, will der BUND unterstützen. Bund und Länder seien jedoch gefordert, zusätzlich Buchenwälder wie jene im bayerischen Steigerwald als nutzungsfreie Nationalparks auszuweisen. Gestoppt werden müsse auch die weitere Privatisierung öffentlicher Waldflächen.

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Wie viel Kohlendioxid kann der Atmosphäre durch Lösung von Olivin entzogen werden?

Donnerstag 11. November 2010 von birdfish

Die künstlich beschleunigte Verwitterung des Minerals Olivin kann der Atmosphäre vermehrt Kohlendioxid (CO2) entziehen und der Ozeanversauerung entgegenwirken.

Olivin-Kristalle
Olivin-Kristalle – Foto: Prof. Thomas Pettke, Institut für Geologie der Universität Bern

Für jede Tonne CO2, die durch dieses Verfahren aus der Atmosphäre in den Ozean verlagert werden könnte, wäre die Lösung von etwa einer Tonne Olivin in Wasser notwendig. Das ergeben Modellrechnungen, die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft und des KlimaCampus der Universität Hamburg in der Fachzeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) veröffentlichen. Die Methode eignet sich vermutlich jedoch nicht als Maßnahme, um heutige Treibhausgasemissionen vollständig zu neutralisieren.

Angesichts immer weiter zunehmender CO2-Emissionen und den damit zusammenhängenden Veränderungen der Konzentration des Klimagases in Atmosphäre und Ozean wird unter anderem überlegt, wie der Atmosphäre CO2 entzogen werden kann. Ein vor einigen Jahren vorgeschlagenes, aber noch recht wenig untersuchtes Verfahren basiert auf der natürlich vorkommenden chemischen Verwitterung von Olivin, einem auf der Erde häufigen Mineral, dessen Abbauprodukte nach Zersetzung an Land über die Flüsse ins Meer eingetragen werden. „Mit unseren Modellrechnungen wollten wir theoretisch prüfen, ob eine künstliche Beschleunigung dieser natürlichen Verwitterungsprozesse tatsächlich ein wirksames Mittel gegen den Klimawandel sein könnte“, erläutert der Erstautor Dr. Peter Köhler vom Alfred-Wegener-Institut die Zielrichtung der Studie.

„Das Alfred-Wegener-Institut hat weder die Absicht noch ein Interesse daran, mit dieser Studie den Weg für den kommerziellen Einsatz von Geoengineering-Maßnahmen zu ebnen. Sie liefert aber einen wichtigen Beitrag, um die wissenschaftliche Informationsbasis zu Geoengineering-Methoden zu verbessern“, erläutert Prof. Dr. Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. Internationale Gremien und Organisationen wie zuletzt die Biodiversitätskonferenz im japanischen Nagoya fordern bessere Grundlagen, um die Effektivität und die assoziierten Risken von Geoengineering-Maßnahmen auf Umwelt und Biodiversität besser beurteilen zu können.

Olivin ist ein silikathaltiges, aber kohlenstofffreies Mineral. Mit etwa 90% ist es Hauptbestandteil von Dunit, einem weit verbreiteten Gestein. Bei der chemischen Verwitterung, die der Lösung von Olivin zugrunde liegt, wird CO2 der Atmosphäre entzogen. Das atmosphärische CO2 reagiert hierbei zusammen mit Wasser im Niederschlag zu Kohlensäure. Sie greift letztendlich das Olivin an der Mineraloberfläche an und führt es in Lösung. Die Reaktionsprodukte sind Kieselsäure, Magnesiumionen und Bikarbonat. Letzteres ist mit etwa 90% die vorwiegende chemische Form, in der gelöstes CO2 im Ozean vorliegt. Die gelösten Stoffe werden mit den Flüssen ins Meer transportiert. Die dadurch erhöhte ozeanische Alkalinität (Pufferkapazität gegenüber Änderungen des pH-Wertes) führt zu einer vermehrten Aufnahme von CO2 durch die Meeresoberfläche und bewirkt gleichzeitig eine Erhöhung des pH-Wertes. Dies wirkt der zunehmenden Versauerung der Weltmeere entgegen.

Das Konzept des Geoengineerings mittels Olivin besteht darin, diesen natürlichen Verwitterungsprozess zu beschleunigen. Je größer die Reaktionsfläche eines Minerals ist, desto schneller kann es verwittern, d.h. gelöst werden. Wärme fördert diesen Prozess zusätzlich. „Deshalb sieht der Ansatz vor, fein gemahlenes Olivinpulver auf möglichst sauren Böden (niedriger pH-Wert) in warmen und feuchten Regionen zu verteilen“, erklärt Köhler die Ausgangsvoraussetzung für die Modellrechnung. Das Mahlen von Olivinmineralien vergrößert die Reaktionsfläche mit dem Wasser und somit das Potenzial, möglichst viel Olivin in möglichst kurzer Zeit zu lösen. Somit würden optimale Bedingungen für eine beschleunigte Verwitterung von Olivin (und somit einem CO2-Entzug aus der Atmosphäre) erreicht.

Die theoretische Studie von Köhler und seinen Mitautoren Prof. Dr. Jens Hartmann (KlimaCampus, Universität Hamburg) und Prof. Dr. Dieter Wolf-Gladrow (Alfred-Wegener-Institut) schätzt die Folgen und das Potential zur Umlagerung von atmosphärischem CO2 in Bikarbonat im Ozean ab, die die Anwendung eines solchen Verfahrens in den Einzugsgebieten großer Flüsse in den Tropen haben könnte. Die drei wichtigsten Erkenntnisse sind:

1. Für jede Tonne CO2, die durch dieses Verfahren aus der Atmosphäre in den Ozean verlagert werden könnte, ist die Lösung von etwa einer Tonne Olivin notwendig.
2. Eine großskalige Verwitterung von Olivin an Land führt zu einer beträchtlichen Erhöhung der pH-Werte in Flüssen (river-alkalinization im Kontrast zu Ozeanversauerung: ocean-acidification).
3. Die endliche Löslichkeit von Kieselsäure (einem Nebenprodukt der Olivin-Verwitterung) wird das Potenzial der Olivin-Geoengineering-Methode zusätzlich beschränken. Aus diesem Grund wird das maximale Potenzial, mit dieser Methode atmosphärisches CO2 umzulagern auf ein Petagramm Kohlenstoff pro Jahr geschätzt (Pg C yr-1; 1 Petagramm = 1015 g).

„Die Olivin-Verwitterung an Land könnte eine Methode zur Verlagerung atmosphärischen Kohlendioxids in den Ozean sein“, so Köhler. „Allerdings müsste vorher genau untersucht werden, wie sich die von uns prognostizierten, lokalen pH-Wert-Veränderungen auf Flussökosysteme und angrenzende Lebensräume auswirken.“ Die Löslichkeitsgrenzen für Kieselsäure führen außerdem dazu, dass das CO2-Reduktionspotenzial einer künstlich erhöhten Olivin-Verwitterung eine Größenordnung unterhalb der heutigen anthropogenen CO2-Emissionen liegt. Zum Vergleich: Dem Verlagerungspotenzial von bis zu 1 Pg C pro Jahr durch die vorgeschlagene Methode stehen heutzutage CO2-Emissionen von mehr als 10 Pg C pro Jahr gegenüber.

„Mit der vorgeschlagenen Methode erscheint es daher nicht möglich, heutige und zukünftige Treibhausgasemissionen zu neutralisieren“, so Köhler weiter. Die Methode könne aber in Verbindung mit anderen Methoden einen Beitrag zur Stabilisierung und Reduktion der atmosphärischen CO2-Konzentration liefern. Darüber hinaus würde sie dem gegenwärtigen Trend zur Versauerung des Ozeans entgegenwirken. Weiterhin gibt Köhler zu bedenken, dass für den großskaligen Einsatz der Methode große Mengen an Olivin abgebaut, transportiert und gemahlen werden müssten: „Die Menge an zusätzlich verwittertem Olivin, die notwendig ist, um diese CO2-Verlagerung zu erreichen, liegt in der Größenordnung des heutigen weltweiten Kohleabbaus.“

Hintergrund: Klimaschutz und Geoengineering

Mit dem Scheitern der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 gibt es für den Zeitraum ab 2012 nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls kein verbindliches Regelwerk für den Klimaschutz. Das einzige Ergebnis dieser UN-Klimakonferenz war der „Copenhagen Accord“, ein völkerrechtlich nicht bindendes politisches Papier, in dem das Ziel zur Kenntnis genommen wird, die Erderwärmung auf weniger als 2°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Die weiterhin ansteigenden CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen und Entwaldung erreichten in 2008 mehr als 10 Pg C yr-1. Sie liegen damit am oberen Ende der prognostizierten Emissionen, die den Zukunftsszenarien des Weltklimaberichts (IPCC-Bericht) zu Grunde liegen. Bereits im vergangenen Jahr stieg der Jahresmittelwert in der atmosphärischen CO2-Konzentration auf 387 ppmv und liegt damit mehr als 100 ppmv über dem vorindustriellen Wert von etwa 280 ppmv. Es ist daher anzunehmen, dass mit dem bisher wenig veränderten globalen Nutzerverhalten im Energieverbrauch das Ziel einer globalen Erwärmung von weniger als 2°C nicht erreicht werden kann.

„Die Reduktion der Treibhausgasemissionen zum Erreichen der Klimaschutzziele wird als der Königsweg angesehen und damit verbundene Anpassungsmaßnahmen erscheinen vielen Menschen noch akzeptabel“, ordnen die Autoren der Studie ein. „Die Erwähnung von Geoengineering löst in der Öffentlichkeit jedoch Unbehagen aus: Wie kann die Menschheit sich anmaßen, das globale Klima verändern zu wollen? In Wahrheit haben wir das Weltklima durch den anhaltenden Ausstoß von Treibhausgasen schon verändert und verändern es noch weiter. Allerdings war dies nicht unser Ziel, sondern eine ‚Nebenwirkung’ unseres reichlichen Energieverbrauchs, der zu großen Teilen immer noch aus fossilen Energieträgern (Kohle, Öl, Gas) gespeist wird.“

Unter dem Begriff Geoengineering (oder auch Climate Engineering) werden eine Vielzahl von Methoden zusammengefasst, deren großskalige Anwendungen zu einer Beeinflussung des globalen Klimas führen sollen. Es werden zwei Gruppen von Verfahren unterschieden. Die so genannten Methoden zum Management der solaren Einstrahlung haben zum Ziel, die Energieeinstrahlung von der Sonne auf den Erdboden zu reduzieren, z.B. durch Spiegel im Weltraum oder den Eintrag kleinster Partikel, Aerosole genannt, in die Stratosphäre, der Erdatmosphäre oberhalb von 10 km Höhe. Dagegen versuchen die Verfahren zur Entsorgung von Kohlendioxid (CDR = carbon dioxide removal) der Atmosphäre CO2 zu entziehen und in anderen Speichern langfristig zu lagern, beispielsweise als Holzkohle in Böden.

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Konferenz zu Ozeanversauerung: schnellste Versauerung der Erdgeschichte findet statt

Mittwoch 29. September 2010 von birdfish

Zur Zeit tagen mehr als 200 Wissenschaftler aus ganz Europa zum Thema Ozeanversauerung auf Einladung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Korallen reagieren empfindlich
Korallenriffe sind besonders bedroht – mit ihnen ihre Bewohner und letztlich die Menschen, die von den Meerestieren leben – Foto: Karen Hissmann / IFM-GEOMAR

Das Treibhausgas Kohlendioxid führt nicht nur zu einer Erwärmung des globalen Klimas und damit auch der Meere, sondern auch zunehmend zu einer Versauerung der Ozeane. Ihre jüngsten Ergebnisse zum Thema Ozeanversauerung diskutieren Wissenschaftler jetzt auf der ersten gemeinsamen Konferenz der Großprojekte EPOCA (European Project on Ocean Acidification), BIOACID (Biological Impacts of Ocean ACIDification) und UKOARP (UK Ocean Acidification Research Program).

Die Weltmeere nehmen jährlich etwa ein Drittel des Kohlendioxids (CO2) aus der Verbrennung fossiler Energieträger auf. Wenn sich Kohlendioxid im Meerwasser löst, bildet sich Kohlensäure, und der Säuregrad des Wassers steigt (pH-Wert sinkt). Seit Beginn der Industrialisierung haben die Ozeane bereits soviel Kohlendioxid aufgenommen, dass die Säuremenge um 30 Prozent zugenommen hat. Folgen: Durch die Säure nimmt die Konzentration von Karbonat-Ionen im Meerwasser ab. Viele Meeresorganismen wie Kalkalgen, Muscheln und Schnecken haben Schwierigkeiten, ihre Schalen oder Skelettstrukturen zu bilden. Betroffen sein werden aber auch ganze Ökosysteme, wie beispielsweise Korallenriffe.

Die Auswirkungen der Ozeanversauerung, vor allem auf die Lebensgemeinschaften im Arktischen Ozean, untersucht das Alfred-Wegener-Institut im Verbund mit den drei Großforschungsprojekten auf nationaler und internationaler Ebene. Denn besonders betroffen von der Ozeanversauerung sind die Polargebiete.

„Gerade in den kalten Ozeanen polarer Regionen ist die Löslichkeit für CO2 besonders groß, so dass im Gegenzug auch die Karbonat-Ionenkonzentration geringer ist und diese Verknappung für die dort lebenden Organismen besonders schwerwiegend ist. Da bei kalten Temperaturen auch viele Stoffwechselprozesse verlangsamt ablaufen, ist die Fähigkeit polarer Organismen, eine erhöhte CO2-Konzentration zu kompensieren, möglicherweise zudem noch eingeschränkt“, sagt Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner, Tierphysiologe am Alfred-Wegener-Institut und stellvertretender Koordinator des Großforschungsprojektes BIOACID.

Die speziellen Auswirkungen auf marine Bakterien haben Forscher des Alfred-Wegener-Instituts auf einer Fahrt der Polarstern in die Arktis untersucht. Ihre neuesten Ergebnisse bestätigten die bisherigen Vermutungen. „Im angesäuerten Wasser erhöhte sich die bakterielle Produktion erheblich und führte zu einem gesteigerten Konsum von organischen Kohlenstoffverbindungen, was die Freisetzung von CO2 verstärken könnte“, so Dr. Anja Engel. Wie sich der Klimawandel auf die komplexen Zusammenhänge des marinen Kohlenstoffkreislaufs auswirkt und welche Rolle Mikroorganismen für die zukünftige CO2 Bilanz im nördlichen Polarmeer spielen werden, sei bislang kaum erforscht. „Das Treffen der drei großen Forschungsprojekte bietet ein gutes Forum, um Daten auszutauschen und gemeinsam Lösungsansätze zu diskutieren“, so Dr. Anja Engel.

Um die Auswirkungen der zunehmenden Ozeanversauerung in vollem Umfang zu verstehen, sind aber auch Rückblicke in die Vergangenheit von zentraler Bedeutung für die Forschung. Denn Sedimente im Ozean bilden ein wichtiges Archiv der Erdgeschichte, vergleichbar mit Büchern in einer Bibliothek. „Wer die Sprache der Sedimente beherrscht, kann dort die Evolution der Umwelt und Klimabedingungen in der Erdgeschichte erforschen“, sagt Prof. Jelle Bijma, mariner Biogeologe am Alfred-Wegener-Institut. An verschiedenen Stellen in der Erdgeschichte haben Ozeanversauerungsereignisse ihre „Fingerabdrücke“ im Sediment hinterlassen, so zum Beispiel an der Grenze vom Perm zur Trias vor 251 Millionen Jahren und an der Paleozän-Eozän Grenze vor 55 Millionen Jahren. Ausgelöst wurde die Versauerung in vergangenen Zeiten allerdings immer durch natürliche Ereignisse. „Heute wird sie durch den viel zu hohen Kohlendioxideintrag durch menschliche Aktivität ausgelöst, und das Meer ist immer weniger in der Lage, diese Störungen abzupuffern“, so Bijma. Zudem müsse man sehen, dass die Versauerungsereignisse fast immer begleitet werden von einer globalen Erwärmung, einer erhöhten Stratifizierung der Ozeane, und einer Verringerung des Sauerstoffgehaltes der Tiefsee.

Es ist nicht das erste Mal in der Erdgeschichte, dass die Ozeane versauern, beunruhigend ist aber, dass es diesmal sehr viel schneller passiert als je zuvor. Infolgedessen sinkt nicht nur der pH-Wert, sondern nimmt auch die Karbonatsättigung der Ozeane ab. Es brechen harte Zeiten an, speziell für kalzifizierende Organismen“, so Bijma. Wie verschiedene kalkbildende Meeresorganismen auf die Versauerung reagieren und warum die Reaktionen unterschiedlich ausfallen, werden die Wissenschaftler weiter untersuchen und auch auf der Konferenz in Bremerhaven diskutieren.

Die drei großen Verbundprojekte:

BIOACID (Biological Impacts of Ocean ACIDification) ist ein Verbundprojekt, das seit 2009 die Auswirkungen der Ozeanversauerung auf Lebensgemeinschaften im Meer untersucht. An dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für drei Jahre mit 8,5 Millionen Euro finanzierten Projekt sind insgesamt 14 Forschungsinstitute und Universitäten aus ganz Deutschland beteiligt. Die Projektleitung liegt beim Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) Kiel. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft übernimmt die stellvertretende Koordination.

Zum Projekt BIOACID

EPOCA (European Project on Ocean Acidification) ist ein Europäisches Projekt über die Versauerung des Ozeans, ein so genanntes „Integriertes Projekt“ im 7. Rahmenprogramm der Europäischen Union. Es wurde im Juni 2008 für eine Laufzeit von 4 Jahren ins Leben gerufen. Das EPOCA Konsortium vereinigt mehr als 100 Wissenschaftler von 32 Instituten und 10 Europäischen Ländern.

Zum Projekt EPOCA

UKOARP (UK Ocean Acidification Research Program) ist Großbritanniens erstes Forschungsprogramm zur Ozeanversauerung, an dem 101 Wissenschaftlicher von 21 Instituten in Großbritannien beteiligt sind.

Zum Projekt UKOARP

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Barentssee: ökologisches Gleichgewicht wird durch Klimawandel zunehmend zerstört

Dienstag 27. Juli 2010 von birdfish

Die Vorstellung von Würmern im Fisch dürfte bei den meisten Menschen Ekel hervorrufen.

Fische in Barentssee überwiegend mit Würmern befallen
Fadenwürmer im Eisfisch – Foto: BiK-F

Doch durch Helminthen, so der wissenschaftliche Begriff für Würmer, zu denen auch Nematoden gehören, die als Parasiten im Meer und von Meerestieren leben, lässt sich eine Menge über den Lebensraum herausfinden. Das ist das Ziel von Prof. Dr. Sven Klimpel vom Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F). Bei einer Forschungsexpedition in den Nordatlantik war sein Mitarbeiter Markus W. Busch jetzt den Auswirkungen des Klimawandels in der Barentssee auf der Spur.
Die vierwöchige, in Kooperation mit dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung (Max Rubner-Institut (MRI)) durchgeführte Reise mit dem deutschen Fischereiforschungsschiff „Walther Herwig III“ endete am 12. Juli. Überraschend für das Forscherteam des MRI wie auch für Sven Klimpel und seinen Mitarbeiter Markus W. Busch war, dass mittlerweile auch kleinste Kabeljau-Exemplare von parasitierenden Fadenwürmern befallen sind. Vom Parasitenbefall bei Fischen schließen die Wissenschaftler auf Veränderungen im Nahrungsgefüge. Die Barentssee ist ein ca. 1,4 Millionen Quadratkilometer großes Randmeer des Arktischen Ozeans. Ausläufer des Golfstroms sorgen hier auch im Winter für große eisfreie Zonen. Wegen dieser besonderen Bedingungen und der Vielfalt an Organismen ist die Barentssee vor allem für die Fischerei von Bedeutung.

Zu warm und zu sauer

So lässt sich der Zustand der Weltmeere zusammenfassen. Ein Großteil des während der letzten 200 Jahre durch menschliche Aktivitäten in die Atmosphäre gelangten Kohlendioxids hat sich in den Ozeanen gelöst und den pH-Wert der Weltmeere sinken lassen. Diese Versauerung hat vor allem Folgen für Meeresorganismen mit einem Kalkmantel, wie z.B. Korallen. Schon für das Jahr 2006 verzeichnete das International Council for the Exploration of the Sea (ICES) einen Höhepunkt der Wassertemperatur in der gesamten Barentssee. – Unter solchen, sich verändernden Bedingungen wandelt sich auch das Artengefüge eines Ökosystems. Wissenschaftler sehen in der Erwärmung einen entscheidenden Grund für die ausschließlich polwärts gerichtete Migration Kälte angepasster Arten. Auch Sven Klimpel erklärt: „Die Erwärmung der oberen Wasserschicht der Ozeane kann Veränderungen der Nahrungsnetze und der Artenzusammensetzung zur Folge haben, die wir derzeit noch gar nicht abschätzen können.“

Eine wichtige Nahrungsgrundlage für Fische und andere Meeresbewohner ist vor allem das Zooplankton, zu dem eine Vielzahl kleinster Meerestiere gehört. Dazu erläutert der Leiter des BiK-F-Projekts „Medizinische Biodiversität und Parasitologie“: „Der Rückgang vieler Fischarten hängt signifikant mit einer veränderten Artenzusammensetzung, der Bestandsabnahme mancher Arten und auch mit der kleineren Körpergröße dieser Nahrungsorganismen zusammen.“ Zunehmend gerät das natürliche, fein aufeinander abgestimmte Gefüge der Meere aus der Balance. Da die schmarotzenden Nutznießer über das Nahrungsnetz in ihren Wirt gelangen, wirken Veränderungen im Nahrungsangebot sich auch auf den Parasitenbefall der Fische aus.

Fadenwürmer als Biomarker und Informationsträger

In einem komplexen Ökosystem stehen alle Lebewesen in Wechselwirkung zueinander. Um Störungen entgegen zu steuern oder zumindest ausbalancieren zu können, muss man die einzelnen „Bauteile“ verstehen. Ökosystemforschung untersucht einzelne Komponenten von Lebensräumen und fügt die gewonnenen Ergebnisse zu einem Gesamtbild zusammen. So unappetitlich die Parasiten im Kabeljau der Barentssee sonst auch sein mögen, bei den Untersuchungen von Sven Klimpel übernehmen sie eine „tragende Rolle“. Als Bioindikatoren helfen sie nicht nur regionale Fischbestände zu unterscheiden, sondern sind nach Aussage des Wissenschaftlers auch bedeutende Informationsträger bei der Erforschung des Nahrungsspektrums bestimmter Arten.

Deshalb beschränkt sich der Parasitologe nicht nur auf abstrakte Energieflussmodelle. Sein Mittel der Wahl zur Untersuchung klimabedingter Veränderungen ist die detaillierte Analyse des Parasitenbefalls bei Fischen und anderen Meeresorganismen. Da auch die üblichen Mageninhaltsanalysen lediglich punktuell und auch nur zum Zeitpunkt der Probennahme Auskunft über Nahrungsgewohnheiten geben, ermöglicht die detaillierte Analyse der Miniatur-Plagegeister Rückschlüsse auf weiter zurückliegende Interaktionsprozesse zwischen Organismen. Auf diese Weise können auch kurzfristige Veränderungen im Nahrungsgefüge der Wirte wie z.B. bei Fischen berücksichtigt werden. – Da sie ausschließlich „zur Untermiete“ leben, sind Parasiten hocheffizient und ausgesprochen zielstrebig. Kennt man ihre Lebenszyklen und Gewohnheiten sowie ihre Zwischen- und Endwirte, verdichten sich die nahrungsökologischen Untersuchungen zu einem Bild vom Nahrungsspektrum und den Ausbreitungsmechanismen einer Parasitenart. Das ist möglich, da viele Parasiten spezifisch für die jeweiligen Endwirte sind. Von solchen detaillierten Untersuchungen verspricht sich Sven Klimpel weitere Informationen zu Reproduktionserfolgen von Fischbeständen, über deren Migration und Populationsdynamik. Also bisher noch weitgehend offenen Fragen, deren Beantwortung im Hinblick auf die Auswirkungen des Klimawandels und die Überfischung der Meere von großer Bedeutung ist.

Nachbearbeitung im BiK-F-Labor

“Wir vermuten, dass die Distanz zur norwegischen Küste einen wesentlichen Einfluss auf die Parasitierung der dort vorkommenden Konsumfischarten hat. Insbesondere die charakteristischen Gewässerbedingungen in der Barentssee könnten Auswirkungen auf das Vorkommen und die Verbreitung bestimmter Parasitengruppen haben“, sagte Sven Klimpel. Fischproben, die schon an Bord bearbeitet und für parasitologische und molekularbiologische Analysen vorbereitet und konserviert wurden, werden nun im Frankfurter BiK-F-Labor genauer untersucht. Der Wissenschaftler sagte: „Wir gehen davon aus, dass die verschiedenen Parasitenarten bei den Fischen der Barentssee sich von denen in anderen Regionen des nördlichen Atlantiks deutlich unterscheiden. Anhand der genetisch eindeutig identifizierten Fadenwürmer in Fischen sind wir beispielsweise auch in der Lage, genau zu bestimmen, welche Wal- bzw. Robbenarten in dem untersuchten Gebiet vorkommen und welche Populationsgrößen sie theoretisch haben könnten.“ Von den Untersuchungen verspricht sich Sven Klimpel eindeutige Ergebnisse und Erklärungsmuster für Veränderungen in den nördlichen Gewässern.

Die Bedeutung der Ozeane

In der Summe nehmen marine Ökosysteme 71 Prozent der Gesamtfläche der Erde ein. Das entspricht einer Fläche von 361 Millionen Quadratkilometern. Auf Grund seiner enormen Tiefenausdehnung ist der marine Lebensraum um ein Vielfaches größer als alle Lebensräume an Land, zu denen auch Süßwasser-Ökosysteme wie Seen, Bäche und Flüsse zählen. Dabei spielen die Ozeane eine bedeutende Rolle für das Klima auf der Erde. Insbesondere im Rahmen der globalen Erhöhung des Kohlendioxid-Anteils in der Atmosphäre tragen die Meere als so genannte „CO2-Falle“ zur Stabilisierung des Weltklimas bei. Neben der Erwärmung der Meere ist das Gleichgewicht auch durch die Versauerung gestört, die durch die stetig steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre ebenfalls zunimmt.

Im Vergleich zu den Lebensräumen an Land reagieren marine Ökosysteme deutlich sensibler und schneller auf Klimaänderungen. Die Belastungen der Fischpopulationen durch Überfischung kommen hinzu. Fische und Fischprodukte sind bedeutsam für die Welternährung. Deren Anteil an der Eiweißversorgung der Weltbevölkerung beträgt nach Zahlen der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) 15 Prozent. Rund drei Milliarden Menschen sind schon jetzt darauf angewiesen. Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen und viele Arbeitsplätze, die an der Fischereiindustrie hängen. Einst galten die Meere als unerschöpfliches Reservoir. Doch selbst wenn die Fischereinationen regelmäßig über Fangquoten und Methoden zur nachhaltigen Befischung der Ozeane diskutieren, verbessert sich für die Meeresbewohner nicht viel. – Nicht mehr und größer, sondern weniger und kleiner werden die Fische, die einer ständig wachsenden Weltbevölkerung zur Verfügung stehen.

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Experiment zur Ozeanversauerung des IFM Geomar bringt Riesensprung für Forschung

Montag 19. Juli 2010 von birdfish

Nach mehr als 30 Probentagen endet dieser Tage in Ny-Ålesund auf Spitzbergen eines der größten europäischen Experimente zu den Folgen der Ozeanversauerung.

Arbeit an den Mesokosmen
Arbeit an den Mesokosmen – Foto: Maike Nicolai / IFM-GEOMAR

35 Forscher aus zwölf Nationen untersuchten unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) sechs Wochen lang, welche Auswirkungen steigende Kohlendioxidkonzentrationen auf die Lebensgemeinschaft im Meer haben. Prof. Dr. Ulf Riebesell, wissenschaftlicher Leiter der Studie, spricht von „einem „Riesensprung in der Erforschung der Ozeanversauerung“. Die neun für das Experiment genutzten Mesokosmen – die größten Reagenzgläser der Welt – werden am 22. Juli 2010 vom Greenpeace-Schiff ESPERANZA nach Kiel zurück gebracht.

Die von Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen führen nicht nur zu einer Erwärmung des globalen Klimas. Sie sorgen auch dafür, dass der pH-Wert des Meereswassers sinkt und die Ozeane versauern. „Dieses Phänomen, das wir als ‚Das andere CO2-Problem‘ bezeichnen, kann dazu führen, dass sich maritime Lebensgemeinschaften stark verändern. Kalkbildende Organismen wie Muscheln, Schnecken, Seeigel, aber auch das mikroskopisch kleine Plankton, das an der Basis des Nahrungsnetzes steht, reagieren empfindlich auf die Ozeanversauerung“, erklärt der Meeresbiologe Prof. Dr. Ulf Riebesell. Da kaltes Wasser mehr Kohlendioxid aufnehmen kann, kommt die Ozeanversauerung in den Polargebieten stärker und früher zum Tragen als anderswo. Forscher vermuten daher, dass die empfindlichen Ökosysteme der Polarregionen besonders stark gefährdet sind.

Um die Auswirkungen der Ozeanversauerung unter realen Bedingungen zu untersuchen, haben die Wissenschaftler neun 17 Meter hohe Mesokosmen im Kongsfjord vor Ny-Ålesund im Nordwesten Spitzbergens verankert. Diesen überdimensionalen Reagenzgläsern, von denen jedes eine Wassersäule von etwa 50 Kubikmetern einschließt, wurde Kohlenstoffdioxid in verschieden hoher Konzentration zugesetzt. „Wir haben Bedingungen simuliert, wie sie in 20, 40, 60 Jahren und weiter in der Zukunft zu erwarten sind, wenn die Emissionen im bisherigen Maß fortschreiten“, erklärt Riebesell. Während ihrer täglichen Messungen und Probennahmen beobachteten Biologen und Chemiker die Veränderungen des Meerwassers und der eingeschlossenen Lebensgemeinschaft. Die simulierte Ozeanversauerung führte zu unerwartet starken Änderungen der Entwicklung und Produktivität der Planktongemeinschaft mit erheblichen Auswirkungen auf die Freisetzung klimarelevanter Gase und die Umsatzraten wichtiger Elemente im Meerwasser.

Nach Abschluss der Arbeiten in Ny-Ålesund stehen für alle Teilnehmer umfangreiche Auswertungen im Labor an. „Das Experiment ist besser verlaufen, als wir erhofft hatten“, bilanziert Riebesell. „Stürme, wie wir sie in der Ostsee durchmachen mussten, gab es glücklicherweise nicht. Das Eis, das sich bei steigenden Temperaturen von den Gletschern löste und auf die Mesokosmen zutrieb, konnte unsere Eiswache rechtzeitig beiseite schieben. Und die neugierigen Robben und Belugas haben sich nur bis auf einige Meter genähert.“

Sechs Wochen lang fuhren die Forscher in Schlauchbooten regelmäßig von der Station in Ny-Ålesund mit Planktonnetzen, Wasserschöpfern und Sonden hinaus, um Messungen in den Mesokosmen durchzuführen und Proben für ihre Laborarbeiten zu nehmen. Täglich wurden den Mesokosmen über 300 Liter Wasser entnommen und in den Laboren aufbereitet und analysiert. Mit über 60 Messparametern und zehntausenden von Einzelanalysen wird dies der bislang umfangreichste experimentelle Datensatz zu den Folgen der Ozeanversauerung. „Wir erwarten einen Riesensprung in der Erforschung der Ozeanversauerung“, so Riebesell.

In diesen Tagen werden die Mesokosmen im Kongsfjord abgebaut. Die Forscher erhalten dabei wieder Unterstützung von der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die ihr Schiff ESPERANZA für das Aussetzen und Einholen sowie den Transport der Mesokosmen und der wissenschaftlichen Geräte zur Verfügung stellt. Neben der Unterstützung des IFM-GEOMAR bei der Forschung zur Ozeanversauerung ist Greenpeace im Sommer 2010 in der Arktis unterwegs, um die Lebensgemeinschaften des Meeresbodens im Arktischen Ozean erstmals zu erfassen und die Arbeiten zur Gletscherschmelze auf Grönland von 2009 fortzusetzen. Am 22. Juli 2010 wird das Schiff in Kiel erwartet, am 24. und 25. Juli 2010, 10 bis 17 Uhr lädt die ESPERANZA an der Außenpier des IFM-GEOMAR an der Kiellinie zum „open ship“.

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Klimawandel verursacht Ozeanversauerung – Erforschung des arktischen Ökosystems

Freitag 4. Juni 2010 von birdfish

Die von Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen führen nicht nur zu einer Erwärmung des globalen Klimas.

Aussetzen der Mesokosmen
Aussetzen der Mesokosmen im Kongsfjord – Foto: U. Riebesell / IFM-GEOMAR

Sie verändern unsere Umwelt noch auf eine weitere Art: Ozeanversauerung. 35 Wissenschaftler untersuchen dieses Phänomen jetzt im Rahmen des von der Europäischen Kommission geförderten Projektes EPOCA (European Project on OCean Acidification). Mit ihrem umfangreichen Experiment erforschen sie die Reaktionen des arktischen Ökosystems auf die rapiden Veränderungen der Ozeanchemie. Als federführendes Institut hat das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) dafür mit Unterstützung von Greenpeace neun 17 Meter große Mesokosmen im Kongsfjord (Spitzbergen) verankert.

Die Ozeane speichern einen großen Teil des von Menschen verursachten Kohlendioxids (CO2) und wirken damit der Erderwärmung entgegen. Seit Beginn der Industrialisierung haben sie bereits so viel Kohlendioxid aufgenommen, dass der Säuregrad des Wassers um 30 Prozent angestiegen ist. Bis 2100 wird er voraussichtlich um weitere 100 Prozent wachsen, falls der CO2-Ausstoß in seiner derzeitigen Höhe fortgesetzt wird. Die Polargebiete reagieren besonders sensibel auf diesen Versauerungsprozess. Da sich CO2 in kaltem Wasser besonders gut auflöst, ist dieses natürlicherweise bereits arm an Karbonat-Ionen, den Bausteinen kalkbildender Organismen. Nimmt das Wasser weiteres Kohlendioxid auf, sinkt der Karbonatgehalt so weit ab, dass das Meerwasser sogar korrosiv für die Schalen und Skelette der Kalkproduzenten wird. Überschreitet der Anteil an CO2 in der Atmosphäre 490 ppm (parts per million) – dies erwarten Wissenschaftler je nach Szenario zwischen 2040 und 2050 – erreicht bereits die Hälfte des arktischen Seegebiets diesen kritischen Wert.

Die Folgen sind weitreichend: Am Meeresboden und im freien Wasser der Arktis leben viele kalkbildende Organismen wie Muscheln, Schnecken, Seeigel, Kalkalgen oder kalkhaltiges Plankton. Viele dieser Arten sind existenziell für das Nahrungsnetz der Arktis. So dienen etwa Flügelschnecken Fischen, Seevögeln und Walen als Nahrung. “Aktuelle Messungen zeigen, dass der Ozean bereits saurer geworden ist”, erklärt Prof. Dr. Ulf Riebesell, Meeresbiologe am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) und wissenschaftlicher Leiter des Projekts. “Nun müssen wir dringend klären, wie die marinen Lebensgemeinschaften darauf reagieren. Die empfindlichen Ökosysteme der Arktis könnten als erstes von der Ozeanversauerung betroffen sein.”

Um die Einflüsse der Ozeanversauerung auf die Planktongemeinschaft zu untersuchen, hat das IFM-GEOMAR mit logistischer Unterstützung von Greenpeace neun Mesokosmen im Kongsfjord vor der Nordwestküste Spitzbergens verankert. Jedes dieser 17 Meter großen “Reagenzgläser” umschließt eine Seewassersäule von etwa 50 Kubikmetern. Die enthaltenen Lebensgemeinschaften werden unterschiedlichen CO2-Konzentrationen ausgesetzt, wie sie bei fortgesetzten CO2 Emissionen bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts erwartet werden. Über sechs Wochen untersuchen die Forscher die Veränderungen in den Mesokosmen bis ins Detail. In Schlauchbooten fahren sie täglich von der Station in Ny-Ålesund mit Planktonnetzen, Wasserschöpfern und Sonden hinaus, um vor Ort Messungen durchzuführen und Proben für ihre Laborarbeiten zu nehmen.

“Erste Trends werden wir schon im Verlauf der Studie ablesen können. Aber um einen Gesamtüberblick zu bekommen, sind nach Abschluss der Forschung noch diverse Analysen notwendig, so dass wir erst gegen Ende des Jahres verlässliche Aussagen treffen können.” An dem multidisziplinären Experiment, das bis Mitte Juli läuft, beteiligen sich Molekular- und Zellbiologen, Biogeochemiker sowie Ozean- und Atmosphärenchemiker aus elf europäischen Instituten. Sie erwarten Erkenntnisse darüber, wie die empfindlichen arktischen Planktongemeinschaften auf die Ozeanversauerung reagieren und wie dies die Nahrungskette und die Biodiversität, den Kreislauf der Elemente, die Produktion klimarelevanter Gase und deren Austausch mit der Atmosphäre beeinflusst.

Hintergrundinformationen:
Das umfassende EU FP7 Integrationsprojekt EPOCA (European Project on OCean Acidification) startete im Mai 2008. Sein Ziel ist es, Wissenslücken zur Ozeanversauerung und deren Konsequenzen zu schließen. Die Kooperation verbindet mehr als 100 Wissenschaftler von 27 Instituten aus neun Ländern. Die Forschung des auf vier Jahre angelegten Projektes wird von der Europäischen Kommission gefördert. Folgende Partner-Institute von EPOCA nehmen am Experiment auf Spitzbergen teil: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI, Deutschland), Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS, Frankreich), Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR, Deutschland), Natural Environment Research Council (NERC, Großbritannien), Netherlands Institute of Ecology (NIOO, Niederlande), Plymouth Marine Laboratory (PML, Großbritannien), Royal Netherlands Institute for Sea Research (NIOZ, Niederlande), Station Biologique de Roscoff (Frankreich), University of Bergen (UiB, Norwegen). Weitere Teilnehmer: Norsk Polarinstitutt (Norwegen), University of Aarhus (Dänemark), University of Oslo (Norwegen)

Das Experiment wird logistisch neben Greenpeace von der französisch-deutschen Forschungsstation AWIPEV und der Forschungseinrichtung Kings Bay sowie finanzieller Unterstützung durch das EU Projekt MESOAQUA unterstützt.

EU Projekt EPOCA

EU Projekt MESOAQUA

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Expedition: Klima- und Meeresexperten erforschen arktisches Eis und Tiefsee

Montag 17. Mai 2010 von birdfish

Die Esperanza ist am Freitag vom Kieler Hafen zu einer viermonatigen Expedition in die Arktis aufgebrochen.

Greenpeace-Expedition mit der Arctic Sunrise in der Arktis
Greenpeace-Expedition mit der Arctic Sunrise in der Arktis – (c) Nick Cobbing / Greenpeace

Gemeinsam mit Wissenschaftlern des Kieler Leibnitz-Instituts (IFM-GEOMAR) werden Klima- und Meeresexperten von Greenpeace die stärksten Bedrohungen der Arktis untersuchen. Dazu gehören der Einfluss des Klimawandels, die Versauerung der Ozeane und die drohende unkontrollierte Ausbeutung der Fischbestände.

“Eine der letzten fast unberührten Regionen dieser Welt ist am stärksten vom Klimawandel betroffen. Es ist notwendig, langfristig Daten in der Arktis zu erheben. Nur so lassen sich Klimamodelle in ihrer Vorhersagekraft verbessern”, sagt Dr. Iris Menn, Meeresbiologin von Greenpeace.

Die rund 30-köpfige Besatzung der Esperanza wird sich in den nächsten vier Monaten mit mehr befassen als den Folgen des Klimawandels auf das ewige Eis. Der Klimawandel ist zwar ein Schwerpunkt der Expedition, aber der Fokus liegt auch auf einer Schadensanalyse und Erforschung des Ökosystems Meer und dessen Bewohnern.

Versauerung und Ausbeutung

Erstes Ziel der Greenpeace-Expedition ist Spitzbergen. Die Kieler Wissenschaftler untersuchen hier im Kongsford die Auswirkungen der Ozeanversauerung, eine bislang wenig bekannte Folge des Kohlendioxidausstoßes. Besonders stark betroffen sind die Polargebiete. Die Meere nehmen hier aufgrund der niedrigen Temperaturen besonders viel CO2 auf. Dieses wird im Wasser in Kohlensäure umgewandelt.

Für die Untersuchungen wird die weltweit größte, in Kiel entwickelte Experimentieranlage eingesetzt. “Wir werden den Einfluss der zunehmenden Versauerung des Meerwassers auf die natürlichen Planktongemeinschaften untersuchen”, erklärt Prof. Dr. Ulf Riebesell, Leiter des Forschungsprojektes.

Im zweiten Expeditionsabschnitt wird die Crew der Esperanza in der nördlichen Barentssee die bisher unbekannte Tiefsee kartieren und Fischtrawler dokumentieren. Durch das zurückweichende Eis ziehen die großen Fischereiflotten immer weiter nordwärts an die neue Eiskante und wittern den Zugang zu neuen Fischgründen. In diesen Gebieten gibt es bislang keine Beschränkungen für die Fischerei.

“Die unkontrollierte Ausbeutung der Arktis muss aufgehalten werden. Dafür benötigen wir ein Sofortverbot für jegliche industrielle Nutzung des arktischen Ozeans, der bisher durch Eis geschützt war. Mit ihren Grundschleppnetzen zerstören sie dort womöglich unentdeckte Naturwunder”, sagt Menn.

Greenpeace in der Arktis

Auf ihrer weiteren Reise untersucht Greenpeace mit Hilfe der Wissenschaftler den Rückgang des arktischen Meereises. Gemeinsam mit Forschern aus Cambridge (Großbritannien) soll das Eis in der Fram-Straße zwischen Spitzbergen und Grönland vermessen werden. Weiterhin untersuchen Wissenschaftler des Woods Hole Institutes und der Universität Maine (USA) die rapide Gletscherschmelze auf Grönland.

Die Expedition von Greenpeace steht in einer langen Tradition. Bereits seit 1977 arbeiten Aktivisten auf unterschiedliche Weise am Schutz der Arktis. In mehreren Expeditionen rund um die Arktis wurden neben den Folgen des Klimawandels Umwelteinflüsse wie Dauergifte in der Nahrungskette, die Auswirkungen der Ölförderung, sowie die Folgen industrieller Fischerei untersucht. Weiterhin protestierte Greenpeace über mehrere Jahre gegen den Bau einer Ölpipeline des britischen Konzerns BP.

Im vergangenen Jahr war das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise in der Nordpolarregion unterwegs. Messgeräte wurden fest installiert. Die zwischenzeitlich aufgezeichneten Daten sollen jetzt abgefragt werden. Erste Ergebnisse der Expedition veröffentlichte Greenpeace bereits 2009, vor dem Klimagipfel in Kopenhagen.

Im vergangenen Jahr fanden sich bereits erste Belege, dass warmes subtropisches Wasser bis in die Fjorde Grönlands dringt und dadurch die Gletscherschmelze von unten angetrieben wird. “Um den Klimawandel aufzuhalten und die Arktis zu bewahren, muss der Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 vermindert werden” fordert Iris Menn.

Arktis-Route der Esperanza

Arktis-Route der Esperanza – (c) Greenpeace

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